Tierversuche für Kosmetik – Eine unendliche Geschichte

Das jüngste Urteil des Europäischen Gerichtshofs wirkte zunächst eindeutig: Mit der Bestätigung des EU-Verkaufsverbots für kosmetische Produkte, die im Ausland an Tieren getestet wurden, schienen sich ein für alle Mal die Schranken zu schließen. Doch leider gibt es ein Schlupfloch, das den Verkauf von Tierversuchs-Kosmetik in der EU auch weiterhin ermöglicht.
Tierversuche - Eine unendliche Geschichte, Foto: PIXABAY

Am 21.09.2016 sorgte der Europäische Gerichtshof (EuGH) für Jubel bei vielen Tierfreunden: Bekräftigt wurde nämlich das geltende EU-Verkaufsverbot für Tierversuchs-Kosmetik. Wenn ein Produkt mit Tierversuchen darauf getestet wurde, ob es die europäischen Gesundheitsvorschriften für Kosmetik einhält, darf es in der EU nicht verkauft werden. Das gelte auch dann, wenn die Tierversuche ursprünglich mit Blick auf Vorschriften anderer Länder durchgeführt wurden – beispielsweise um eine Vermarktung in China zu ermöglichen.

Dieses Urteil bringe allen, die Kosmetikprodukte kaufen, große Sicherheit, sagt Silke Schwartau von der Verbraucherzentrale Hamburg gegenüber SWR3: „Jetzt herrscht in Europa endlich Klarheit“, so Schwartau. Sie wertet das Urteil als gute Entscheidung für tierfreundliche Käufer von Kosmetika. Dank der neuen Regelung könnten Verbraucher nun auch bei importierter Ware sicher sein, dass keine Tierversuche stattgefunden hätten.

Auch Birgit Huber, Bereichsleiterin Schönheitspflege beim IKW zeigt sich auf Nachfrage von naturalbeauty.de positiv: „Wir begrüßen die nun geschaffene rechtliche Klarstellung durch den Gerichtshof und sehen die derzeitige regulatorische Praxis gemäß der Mitteilung der Europäischen Kommission an das Europäische Parlament und den Rat von 2013 bestätigt. Die Kosmetikindustrie bekennt sich schon seit langer Zeit zu alternativen Testmethoden, um Tierversuche zu vermeiden und der IKW unterstützt das Tierversuchsverbot für kosmetische Produkte seit vielen Jahren.“

Soweit so gut. ABER: Im Urteil vom 21.09. gibt es leider einen Haken. Das Verbot gilt nämlich ausdrücklich nur dann, wenn das Ergebnis der Tierversuche verwendet wird, um die Sicherheit des Mittels für den europäischen Markt nachzuweisen. Hintergrund: Gemäß EU-Kosmetikverordnung muss ein kosmetisches Produkt für die menschliche Gesundheit sicher sein. Diese Sicherheit wird auf Grundlage von Informationen bewertet, die in einer Produktinformationsdatei dokumentiert sind. Hat ein Unternehmen also für ein Produkt Tierversuche beauftragt oder in Kauf genommen, um die Vermarktung in Drittländern – zum Beispiel in China – zu ermöglichen, und erwähnt diese Ergebnisse nicht im Sicherheitsbericht, so ist dies aus Sicht der Richter unerheblich. In einem solchen Fall würde das Verkaufsverbot in der EU also nicht greifen! Das Urteil im Detail findet ihr hier.

Für Harald Dittmar, Geschäftsführer des BDIH, ist das aktuelle Urteil demnach überhaupt kein Fortschritt: „Der Europäische Gerichtshof bestätigt damit, dass Tierversuche an kosmetischen Mitteln und Bestandteilen im Ausland kein Vermarktungsverbot der betroffenen Produkte in der EU auslösen, wenn der Vermarkter darauf verzichtet, die durch den Tierversuch gewonnenen Erkenntnisse in die Produktdatei gemäß EU-Recht aufzunehmen. Der Europäische Gerichtshof hat daher kein durchgreifendes Verkaufsverbot für Kosmetikprodukte ausgesprochen, die außerhalb der EU im Tierversuch getestet wurden.“

Und Harald Dittmar weiter: „Das Urteil bleibt im Ergebnis hinter dem zurück, was der BDIH-Standard fordert. Denn nach diesem führt der Tierversuch auch im Ausland (z.B. China) zur Nonkonformität mit dem Standard, auch wenn der Tierversuch nicht durchgeführt wird, um die kosmetikrechtlichen Vorgaben der EU zu erfüllen“.

BDIH und IONC hatten die Hersteller von Produkten, die das Kontrollzeichen des BDIH tragen, bereits im Dezember 2013 darüber informiert, dass zum Beispiel durch Exporte in die Volksrepublik China die Konformität mit dem BDIH-Standard gefährdet ist. Denn der Standard verbietet es, Tierversuche durchzuführen oder in Auftrag zu geben. Dieses Verbot gilt ohne Einschränkung – und zwar weltweit.

Wer in Sachen Tierschutz und Kosmetik also auf Nummer sicher gehen will, achtet beim Kauf auf Qualitätszeichen und Siegel, wie das des BDIH. Auch der IHTK (Internationaler Herstellerverband gegen Tierversuche in der Kosmetik) kämpft seit Jahren in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Tierschutzbund dafür, dass Tierversuche in der Kosmetik komplett verboten werden. Alle Produkte, die der Richtlinie des IHTK entsprechen, sind am Symbol „Hase mit schützender Hand“ zu erkennen.

Tierversuche und Kosmetik – im Zeitraffer

Das Deutsche Tierschutzgesetz verbietet bereits seit 1998 Tierversuche für die Entwicklung von Kosmetika. EU-weit sind seit September 2004 keine Tierversuche für die Prüfung fertiger kosmetischer Mittel mehr erlaubt. Darüber hinaus hat die EU-Kommission nach mehr als 30 Jahren Protest im März 2009 Tierversuche für neue kosmetische Inhaltsstoffe verboten. Auch fertige Kosmetika aus Drittländern, die in Tierversuchen getestet wurden, dürfen seitdem nicht mehr in der EU vermarktet werden. Allerdings durften Produkte, deren Inhaltsstoffe außerhalb der EU in Tierversuchen getestet wurden, hierzulande noch bis 2013 verkauft werden.

Die Folge: Einige Firmen wichen mit ihren zweifelhaften Testmethoden übergangsweise in Drittländer aus, während aus Wissenschaftskreisen Kritik laut wurde. Denn um zu überprüfen, ob ein Stoff Allergien auslöst, Krebs hervorruft oder die Fortpflanzungsfähigkeit beeinträchtigt, gab es nach Ansicht verschiedener Experten keine verlässlichen Alternativen zu Tierversuchen. Eine Annahme, die auch die EU-Kommission unterstützte, weshalb das lang ersehnte Verbot einige Zeit auf der Kippe stand. Begründung: Tierversuchsfreie Prüfmethoden seien nicht rechtzeitig entwickelt und anerkannt worden. Aufgrund eines wissenschaftlichen Berichts vom September 2011 wurde geschlussfolgert, dass es noch mindestens weitere zehn Jahre dauern könne, bis die letzten Tierversuche bei der Sicherheitsprüfung von kosmetischen Inhaltsstoffen ersetzt werden könnten. Doch zum Glück kam es anders und der Verbots-Termin im März 2013 wurde dank des Widerstandes zahlreicher Tierschutzorganisationen schließlich doch eingehalten.

Der Teufel steckt im Detail

Die alles entscheidende Frage, die sich nicht nur Tierschützer immer wieder stellen: Ist Kosmetik nun zu 100 Prozent tierversuchsfrei? Leider nein! Denn Stoffe, die nicht nur in Kosmetika, sondern auch in anderen Produkten – zum Beispiel in Medikamenten oder Reinigungsmitteln – vorkommen, werden im Rahmen der standardmäßigen Chemikalienprüfung (REACH, Toxizitätstests) auch weiterhin an Tieren getestet.

Zudem gehen die Tierversuche im außereuropäischen Ausland weiter. Etliche weltweit tätige konventionelle Marken und Konzerne stehen deshalb nach wie vor auf der Negativliste: Sie bieten einfach jene Teile ihres Sortimentes, die für die Vermarktung in China im Tierversuch getestet werden, nicht auf dem europäischen Markt an. Ethisch ist diese Geschäftspraxis sicher nicht – aber leider auch immer noch nicht illegal… Ein weiterer Kritikpunkt: Produkte, deren Inhaltsstoffe vor dem Stichtag 11. März 2013 im Tierversuch getestet wurden, dürfen nach wie vor innerhalb der EU vertrieben werden.

Es schlummern also durchaus noch „Leichen“ in den Regalen von Parfümerien und Co. Doch solange es kein wirklich konsequentes weltweites Verbot für den Test von Kosmetik an Tieren gibt, wird sich daran wohl auch nichts ändern.

Vertrauen und Sicherheit

Eine Frage, die durch den Wegfall der Tierversuche in Europa immer wieder aufkeimt: Ist Kosmetik aus Verbrauchersicht noch sicher? Die eindeutige Antwort: Ja! Denn Kosmetikprodukte müssen innerhalb der EU auch weiterhin auf ihre Sicherheit hin überprüft werden. Dies geschieht allerdings mit Hilfe alternativer, tierleidfreier Testverfahren:

Zellkulturen zeigen beispielsweise an, ob eine Substanz giftig, erbgutverändernd oder krebserregend ist. Die Hautverträglichkeit kann mit Hilfe von “Episkin” überprüft werden, einem künstlichen System, bei dem Aufbau und Funktion der menschlichen Haut nachgebildet sind. “Eyetex” nennt sich das korrespondierende künstliche System für die Schleimhautverträglichkeitsprüfung. Auch ein Verfahren der FH Jena macht Tierversuche für Kosmetik überflüssig. In Kooperation mit Partnern aus Wissenschaft und Wirtschaft wurde das Analysegerät “FASTEST” entwickelt – mit einem Chipsystem auf Grundlage von Hautzellen zum Nachweis physiologischer Wirkung von Pflanzenextrakten. Damit lassen sich  in kürzester Zeit mögliche allergische Reaktionen feststellen.

Kaum zu glauben: Aus wissenschaftlicher Sicht sind diese neuen Methoden den Tierversuchen sogar überlegen, da die Ausgangsbedingungen für die Prüfung exakter festgelegt werden können. Denn im Gegensatz zu Tieren sind Zellkulturen und künstliche Systeme nicht abhängig von Schwankungen im Wohlbefinden, die ein Testergebnis beeinflussen. Werden menschliche Zellkulturen eingesetzt oder ist ein künstliches System in der Lage, das menschliche System genau nachzustellen, sind auch die Schwierigkeiten hinsichtlich der Übertragbarkeit von Versuchsergebnissen ausgeräumt, die Tierversuche, mal abgesehen von der ethischen Problematik, so fragwürdig erscheinen lassen.

Versuchstier Mensch

Die Hersteller echter Naturkosmetik praktizieren schon seit Jahrzehnten den konsequenten Verzicht auf Tierversuche. Bei ihnen kommt vor der Einführung neuer Produkte ein unübertroffenes “Versuchstier” zum Einsatz: der Mensch. Die Absicherung der Verträglichkeit erfolgt ausschließlich an freiwilligen Testpersonen. Beginnend mit der ersten Entwicklungsstufe prüfen Produktentwickler, Kosmetikerinnen und Pharmazeuten jedes Produkt im Selbstversuch auf seine Hautverträglichkeit. Im weiteren Verlauf werden die Produkte durch einen Probandenkreis getestet. Und vor der endgültigen Markteinführung erfolgt dann noch ein definitiver Verträglichkeitstest in Zusammenarbeit mit unabhängigen Labors, Dermatologen und Allergologen.

Derartige Anwendungstests sind besonders aussagekräftig – denn jeder Wirkstoff wird im direkten Kontakt mit der menschlichen Haut untersucht, ohne dass ein Tier dafür leiden muss.

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