Neues aus der EU-Gerücheküche

Der Countdown läuft: Bis zum 14. Mai dürfen wir mitentscheiden, ob Duftstoffe wie Rose und Eichenmoos in Zukunft stark begrenzt oder sogar verboten werden sollen. Nicht etwa weil sie gefährlich sind, sondern um Allergiker zu schützen. Vor allem Natursubstanzen sind ins Visier geraten. Droht nun womöglich das Aus unserer Lieblingsparfüms?

Das herrliche Gefühl von Freiheit, das uns am ersten Urlaubstag durchrieselt, der Geruch feuchter Erde nach einem Sommerregen, der Rausch des Verliebtseins: Manche Dinge sind so schön, dass wir sie am liebsten für immer bewahren möchten. Parfüm-Klassiker wie Chanel No 5 oder Opium von Yves Saint Laurent scheinen diesen Wunsch zu erfüllen, denn sie begleiten unser Leben seit Jahrzehnten und verändern sich nie. Doch damit könnte demnächst Schluss sein. Ende 2014 wird die EU über einen Gesetzesentwurf entscheiden, nach dem zwölf Duftstoffe nur noch in festgelegten, geringen Konzentrationen verwendet werden dürfen, um Allergierisiken zu minimieren. Darunter so beliebte Noten wie Limonen, das in Orangen, Zitronen und Bergamotte steckt, sowie Citronellol, das Rosenöl seine typische, pudrig-florale Seele verleiht. 127 Substanzen sollen auf der Verpackung deklariert und drei weitere verboten werden – darunter Atranol und Chloratranol, die vor allem in Eichenmoos vorkommen. Sinnvoller Schutz oder heillose Überreaktion? Daran scheiden sich die Geister.

Das ist ja reizend: Allergien nehmen zu
Fakt ist: In fast jedem Kosmetikprodukt stecken Duftstoffe, die den Pflegegenuss erhöhen sollen. Bei rund 3 Prozent der Deutschen sorgen sie aber eher für Frust als für Lust, denn Parfüm zählt zu den häufigsten Allergieauslösern, direkt nach Nickel. Tendenz steigend! Betroffene, die sich vor Juckreiz und Quaddeln schützen wollen, weichen daher oft auf neutrale Cremes und Bodylotions aus und verzichten notgedrungen auf After Shaves oder Parfüms. Bislang müssen Duftstoffe nämlich nicht einzeln deklariert werden, sondern tauchen in der Zutatenliste nur unter dem Sammelbegriff „Parfum“ oder „Fragrance“ auf – bis auf 26 Stück, die ein ungewöhnlich hohes Reizpotenzial haben. Für diese Substanzen hat die EU bereits 2005 beschlossen, dass die Angabe auf der Verpackung Pflicht ist. Fragt sich nur, warum mit HICC, Atranol und Chloratranol, den drei jetzt auf der Abschussliste stehenden Parfümstoffen, nicht genauso verfahren wird.

Vor allem Bio-Beauty-Hersteller und Bauern hätten das Nachsehen
Ausschlag, brennende Haut und Niesreiz sind unangenehm, keine Frage. Es ist wichtig, ein Ansteigen der Allergikerrate zu verhindern. Trotzdem scheint der Verbraucherschutz in diesem Fall weit über das Ziel hinauszuschießen. Gerade Eichenmoos, in dem zwei der betroffenen Substanzen stecken, wird in neuen Parfümkreationen ohnehin nur noch selten eingesetzt, da das Reizrisiko seit Jahren bekannt ist. Erdnüsse, auf die ebenfalls viele Menschen allergisch reagieren, werden schließlich auch nicht verboten. Selbst das Argument, dass die Zutatenliste zu lang würde, lässt sich leicht entkräften. Wenn in Zukunft tatsächlich 127 Duftstoffe angegeben werden sollen, käme es auf drei weitere auch nicht mehr an. Durch die Deklaration auf einem Beipackzettel könnten Allergiker Pflege und Parfüms gezielter auswählen, ohne dass die Rezepturen angetastet werden müssten. Wo ist also das Problem, wenn man davon absieht, das mehr Papier verbraucht würde? Eine Gesetzesänderung träfe vor allem Naturkosmetikhersteller, die ihre Pflegeprodukte hauptsächlich mit ätherischen Ölen parfümieren. Konventionelle Hersteller könnten dagegen synthetische Alternativen ohne die allergieverdächtigen Duftbausteine kreieren lassen. Das ist zwar aufwendig und kostspielig, aber immerhin möglich – allerdings manchmal mit unangenehmen Nebenwirkungen. Einige können beispielsweise die Entstehung von Nervenschäden und Krebs begünstigen. Und noch eine Gruppe hätte unter einer strengeren EU-Reglementierung zu leiden: die vielen Landwirte, die in Tunesien, Ägypten und Afghanistan Rosen und Zitrusfrüchte anbauen. Die darin enthaltenen ätherischen Öle dürften dann nämlich nur noch stark eingeschränkt eingesetzt werden.

Nase voll? Dann schreiben Sie der EU-Kommission!
Setzt die EU die Empfehlungen des Beratergremiums um, müssten nicht nur diverse Pflegeprodukte, sondern auch rund 9000 Parfüms umgearbeitet werden. „Viele bekannte Düfte würde man danach vermutlich kaum wiedererkennen“, sagt Christoph Polatzky, Betreiber der Website Parfumo. „Parfüms ohne Zitrone, Rose oder Moos? Das wäre wie ein Gemälde ohne Farbe.“ Deshalb hat die Online-Plattform im April eine Unterschriftenaktion gestartet, die am 14. Mai der EU-Kommission übergeben werden soll. Bis zu diesem Datum gibt es eine öffentliche Konsultation zu der geplanten Gesetzesänderung, bei der Hersteller, Verbände und Privatpersonen ihre Meinung zum Duftstoff-Verbot äußern können. Angelika Förster, Mitverfasserin der Petition: „Wir sagen ja zu Information und Transparenz – aber nein zu Bevormundung. Eine Überreaktion würde ein altes und wunderbares europäisches Kunsthandwerk so sehr beschränken, dass es daran kaputt gehen könnte.“ Wer diese Auffassung teilt, kann die Aktion unter diesem Link unterstützen. 

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