Clean Beauty: Ein Trend der Kompromisse?

Er gilt als DER Trend in Sachen Schönheit: An Clean Beauty kommt aktuell niemand vorbei. Doch so wie für den Begriff Naturkosmetik, gibt es auch für „saubere Schönheit“ keine eindeutige Definition. Wir haben das Thema unter die Lupe genommen.
Clean Beauty

Was ist natürlich? Hierauf gibt es eine eindeutige Antwort – das sollte man zumindest meinen. Und auch Naturkosmetik sollte man auf ähnliche Art definieren können. Soweit zumindest die Theorie… Schon 1993 formulierte das Bundesministerium für Gesundheit eine erste Definition des Begriffs Naturkosmetik. Demnach darf sie ausschließlich aus Naturstoffen hergestellt sein. Ausnahmen bildeten naturidentische Konservierungsstoffe und auf Naturstoffen basierende Emulgatoren. Bedauerlicherweise existiert hierzu jedoch keine gesetzlich verbindliche Regelung. Aus dieser Problematik heraus entstand das sogenannte „Green Washing“: Aufgrund von Nachfrage und Verbraucherinteresse geben Hersteller vor, ihre Produkte seien natürlich – selbst wenn die Anteile an Pflanzen und Co. in Wahrheit nur gering sind und lediglich das Verpackungsdesign grün anmutet. Nun stehen wir vor demselben Problem, nur dieses Mal in Weiß: Clean Beauty.

Wolf Lüdge, Programmvorsitzender des Naturkosmetik Branchenkongresses und Geschäftsführer des naturkosmetik verlags sieht hier gewisse Parallelen: „Der Begriff „clean“ ist natürlich sehr dehnbar, und es wird sicherlich Marken geben, die an diesem Trend teilhaben wollen, ohne wirklich authentisch zu sein.“

Clean ist nicht gleich clean
clean beauty

Clean Beauty ist in aller Munde – pure Schönheit mit weißer Weste. Was aber letztlich für das Sauber-Image ausschlaggebend ist, schreibt jeder auf sein eigenes Blatt. Und das ist nicht immer ein unbeschriebenes…

Wichtig: Clean heißt nicht unbedingt natürlich. Genau hinsehen, lohnt sich definitiv. Und wie schon beim Erkennen echter Naturkosmetik, ist ein Blick in die INCI eigentlich unerlässlich. Je nach Definition muss man nämlich ganz nach eigenem Ermessen, Inhaltsstoffe ausschließen…

„Verbraucher, die auf Clean Beauty setzen, schauen genau hin. Und es geht ja um den Verzicht auf kritische Inhaltsstoffe, um das, was nicht enthalten ist, also „free from“. Somit wird auch die INCI-Angabe übersichtlicher“, so Wolf Lüdge. „Und wenn es um natürliche oder vegane Inhaltsstoffe oder Tierwohl geht, gibt es die unterschiedlichsten Zertifizierungen, die ja aus der Naturkosmetik und der veganen Kosmetik bekannt sind.“

Für den Experten bedeutet Sauberkeit aber vor allem Transparenz: „Der Begriff Clean Beauty entstand ja mit dem Verständnis, dass in diesen Produkten bestimmte, kritische Inhaltsstoffe nicht enthalten sind. Die Bedeutung ist für jeden inzwischen sehr unterschiedlich und bleibt der individuellen Interpretation überlassen. Denn die Definition hat sich gewandelt, sodass nun auch Nachhaltigkeitsaspekte eine Rolle spielen. Über allem steht die Transparenz, zum Beispiel woher die Inhaltsstoffe kommen oder wie nachhaltig die Verpackung ist.“

clean beauty
Was bedeutet Clean Beauty für Euch?

Wir haben mögliche Kriterien zur Abgrenzung für Euch zusammengestellt:

Nontoxic

Frei von Giftstoffen – das setzt man in Sachen Schönheit eigentlich voraus. Doch die eher lasche EU-Kosmetikverordnung hat uns bereits gelehrt, dass gerne Ausnahmen zugunsten zweifelhafter Rohstoffe gemacht werden, wenn ihre möglicherweise schädlichen Wirkungen erst ab einer gewissen Konzentration auftreten, nicht ausreichend erforscht sind oder sie schlichtweg seit vielen Jahren gewohnheitsgemäß in den Rezepturen von Kosmetikriesen eingesetzt werden. Unsere Serie „Du kommst hier nicht rein“ behandelt viele solcher Kandidaten, die man definitiv nicht als clean bezeichnen sollte. Hier knüpft auch Free from“-Kosmetik an, die allerdings nicht unbedingt auf alle zweifelhaften Stoffe verzichtet, nur weil sie einige benennt…

Reizfrei

Wenn man noch einen Schritt weiter geht, haben auch Alkohol, Konservierungsstoffe oder ätherische Öle nichts in cleanen Rezepturen verloren. Denn sie erhöhen unter Umständen das Allergiepotential, können die Haut reizen und zu ungewollten Reaktionen führen. Wenn man Clean Beauty mit reizfreier Pflege gleich setzen möchte, wird das Feld allerdings eng…

Nachhaltig

Kreislauffähige, umweltfreundliche Verpackungen sind das Eine. Hierbei können viele Marken mithalten, während andere –auch Naturkosmetikbrands – Punktabzug kassieren. Gerade Zero-Waste-Anbieter sind in Sachen Nachhaltigkeit vorne mit dabei. Aber neben der (manchmal nicht einmal notwendigen) Hülle spielen auch Faktoren wie Anbau und Verarbeitung der Rohstoffe, Fair Trade und Co. eine wichtige Rolle. Nur wenn ein Konzept rund ist, ist es eine wirklich saubere Sache…

Effektiv

Eine Wirkung, die nicht nur versprochen wird, sondern auch nachgewiesen ist? Für eine wirklich weiße Weste eigentlich ein Muss – denn sonst werden nur Illusionen verkauft und Wünsche geweckt, die das Produkt vielleicht gar nicht halten kann. Studien und Wirksamkeitsnachweise sind demnach unverzichtbar für Clean Beauty. Auch gleichbleibende Qualität spielt eine Rolle. Kann ein Naturprodukt diese bei unterschiedlichen Bedingungen bei Anbau, Ernte und Verarbeitung der Rohstoffe überhaupt gewährleisten?

Cruelty-free

Keine Tierversuche – denn die sind für Clean Beauty einfach ein NoGo. Für viele Trend-Anhänger sollte eine Rezeptur außerdem vegan sein, um sie als komplett tier(leid)frei bezeichnen zu können. Und wieder andere sehen seltene Pflanzen als Rohstoffe, die in wirklich sauberer Kosmetik nichts verloren haben…

Wo beginnt man und wo hört man auf? Wie streng man saubere Pflege definiert, liegt ganz bei den Herstellern – und bei Euch.

Marketing oder mehr?

Manche bezeichnen den Clean Beauty Trend als schlichtes Marketing. Im Grunde ist das auch richtig – aber die Vielfalt der Definitionen und der generelle Anspruch, saubere Kosmetik zu nutzen, dürften bei Kosmetikverwendern und Herstellern gleichermaßen für ein stärkeres Bewusstsein sorgen. Denn egal wie streng man die weiße Weste für Kosmetik letztlich schneidern will, man muss sehr genau Maß nehmen und sich gezielt damit befassen.

Der Anspruch „cleaner“ zu sein, als die anderen, könnte zu Veränderungen in der Branche führen, wie sie schon der Wunsch nach mehr Nachhaltigkeit Stück für Stück hervorgebracht hat. Und auch die Transparenz dürfte für Verbraucher noch weiter wachsen. Nur wenn ein Unternehmen oder Produkt die Werte widerspiegelt, die für Euch wichtig sind, werdet ihr schließlich immer wieder (reinen Gewissens) einkaufen. Für Wolf Lüdge steht fest: „Clean Brands werden ihre Authentizität und Glaubwürdigkeit unter Beweis stellen müssen, um Kundenloyalität zu erreichen. Und für die Branche wird es eine Herausforderung sein, eine Abgrenzung und Unterscheidung vorzunehmen.“

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