Naturkosmetik: Alles Bio oder was?

Natur pur – der Anspruch an echte Naturkosmetik ist eindeutig. Doch aus grünen und biologischen Zutaten allein entsteht noch kein Wohlfühlprodukt mit idealer Konsistenz und Haltbarkeit. Wie viel „Bio“ kann und soll also in Naturkosmetik stecken?
Alles Bio, Foto: PIXABAY

Beinahe jeder hat sie schon einmal ausprobiert: Do-it-Yourself-Beauty-Rezepte mit Ölen, Milch & Co, die als Masken und Badezusätze die Haut verwöhnen. Frisch und natürlich sind diese Mischungen allemal, haben aber selten etwas mit dem “Feeling” der perfekt abgestimmten Produkte aus dem Parfümerie-Regal gemein. Die qualitativ hochwertigen natürlichen Inhaltsstoffe in der hauseigenen Rezepte-Küche stammen vielleicht sogar aus kontrolliert biologischem Anbau, sind aber noch kein Garant für eine zartschmelzende Creme oder eine gut einziehende Maske.

Mut zur Veränderung: Naturnahe Stoffe

Bei schäumenden Reinigungsprodukten wie Shampoos und Duschgelen ist eine funktionierende Rezeptur sogar noch schwieriger zu erreichen. Hier werden waschaktive Substanzen, die so genannten Tenside, benötigt. In der Naturkosmetik stammen ihre Grundbausteine häufig aus Zucker oder Kokosfett, also ebenfalls aus reinen Naturstoffen. Um daraus Tenside zu gewinnen, sind jedoch chemische Prozesse notwendig. Das Ergebnis: Naturnahe Stoffe. In Naturkosmetik dürfen sie nur dann eingesetzt werden, wenn ihre Funktion nicht von reinen, unveränderten Naturstoffen übernommen werden kann. Ein weiteres Beispiel hierfür ist Glycerin. Es wird vor allem als Feuchthaltemittel und als Hilfsstoff eingesetzt, um die Weichheit und Viskosität von Kosmetik zu verbessern. Chemisch gebunden ist es Bestandteil von fetten Ölen, frei kommt es im Stoffwechsel aller Lebewesen vor – allerdings nie in einer Konzentration, die eine ökologisch oder ökonomisch vertretbare Gewinnung erlauben würde. Folglich wird es in der Naturkosmetik als naturnaher Stoff eingesetzt, beim dem Bioqualität als solche gar nicht gewährleistet werden kann.

Seit Januar 2012 gibt es im NaTrue-Standard aber eine neue Vorgabe zur Verwendung: Bei “Naturkosmetik mit Bioanteil” (ehemals 2 Sterne) und “Biokosmetik” (ehemals 3 Sterne) müssen ab sofort für verschiedene naturnahe Stoffe zumindest die Ursprungsmaterialien aus kontrolliert biologischem Anbau stammen. Während naturnahen Stoffen im NaTrue-Standard außerdem Mindest- und Maximalgehalte zugeordnet werden, findet der Begriff bei BDIH, Ecocert und Cosmos übrigens keine direkte Verwendung. Stattdessen werden alle zulässigen Bestandteile naturkosmetischer Produkte über die Festlegung erlaubter Rohstoffquellen und Herstellungsverfahren definiert, was eine Differenzierung von Stoffgruppen nicht notwendig macht.

Synthetisch und doch natürlich

Naturnahe Stoffe erfüllen in den Rezepturen moderner Naturkosmetik vor allem Aufgaben, die für das richtige “Look & Feel” bei der Anwendung sorgen. Im Hinblick auf die Haltbarkeit der Produkte spielen zusätzlich so genannte naturidentische Stoffe eine Rolle, die die Natur lediglich als Vorbild nutzen. Mithilfe chemischer Reaktionen werden bei ihrer Herstellung Naturstoffe 1:1 nachgebildet. Sie sind damit zwar synthetisch, von ihrer Zusammensetzung her aber gleichermaßen natürlich. So werden zum Beispiel Ameisensäure (Wehrsubstanz von Käfern und anderen Gliedertieren), Benzoesäure (Wehrsekret von Wasserkäfern) und Propionsäure (Kohlenhydrate, die u.a. von Lactobacillus casei umgesetzt werden) naturidentisch hergestellt. In allen Naturkosmetikstandards sind diese und andere naturidentische, synthetisch erzeugte Konservierungsstoffe zugelassen – aufgrund ihrer geringen natürlichen Vorkommen oder einer nicht ökonomischen Gewinnung.

Was die Siegel vorschreiben: So viel Bio muss sein

Auch wenn zahlreiche Konsistenzgeber, Tenside und auch zulässige, synthetisch nachgebildete Konservierungsstoffe heute eine wichtige Rolle in der Naturkosmetik spielen, ist der Anteil reiner Naturstoffe in den Rezepturen dennoch deutlich höher – und damit auch der mögliche Gehalt an Inhaltsstoffen aus kontrolliert biologischem Anbau. Für Transparenz im Hinblick auf die tatsächlichen Bio-Anteile sorgen die drei Qualitätsstufen von NaTrue und die zertifizierte Bio-Auslobung des BDIH-Labels:

Bei “Naturkosmetik mit Bio-Anteil” und “Biokosmetik” mit dem NaTrue-Label stammen mindestens 70 oder 95 Prozent der Inhaltsstoffe aus kontrolliert biologischer Erzeugung. Auch der BDIH lässt zusätzlich zu den Mindestanforderungen nach dem Standard der kontrollierten Naturkosmetik die Bioauslobung für zertifizierte Produkte prüfen. Konkret: Ein Produkt darf nur dann als “Bio” bezeichnet werden, wenn der Bioanteil im Verhältnis zu allen in Bioqualität verwendbaren Bestandteilen mindestens 95 Prozent beträgt.

Naturkosmetik-Nutzer sollten wissen: Aus kontrolliert biologischem Anbau können nur landwirtschaftlich angebaute Rohstoffe stammen! Und auch Produkte mit weniger als den angestrebten 95 Prozent Bio-Anteil erfüllen in ihrer Qualität einen sehr hohen Standard. Laut den Richtlinien des BDIH sollen alle in zertifizierter Naturkosmetik Inhaltsstoffe soweit möglich aus kontrolliert biologischem Anbau (kbA) oder zertifizierter Wildsammlung stammen. Darüber hinaus sind gemäß BDIH-Standard derzeit 13 kbA-Rohstoffe obligatorisch: Brennnessel, Hagebuttenkernöl, Jojobaöl, Kamille, Olivenöl, Pfefferminze, Ringelblume, Rosmarin, Salbei, Sesamöl, Sheabutter, Sojaöl und Sonnenblumenöl müssen verpflichtend Bio-Qualität haben. Damit sind bereits die Mindestanforderungen des BDIH vergleichsweise hoch.

Welches Siegel den persönlichen Anforderungen genügt und ob es tatsächlich “Bio” sein muss oder “nur” Natur sein darf, sollte jeder selbst entscheiden. Wichtig ist vor allem, dass man sich beim Cremen und Pflegen buchstäblich wohl in der eigenen Haut fühlt und uneingeschränkt Vertrauen in seine Kosmetikprodukte haben kann. Und wer sich hier gut informiert, ist sicher auf dem richtigen Weg.

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