Multitalent Mizellenwasser

Gründlich, mild und so wirksam, dass es selbst Make-up spielend entfernt: Mizellenwasser ist der neue, sagenumwobene Hero unter den Reinigungsprodukten. Höchste Zeit, das Multitalent genauer unter die Lupe zu nehmen. Wir wollen wissen, was das Wunderwasser wirklich kann und warum man auf die konventionelle Variante besser verzichten sollte.
Titelbild Magazin: Multitalent Mizellenwasser Bild: pixabay

Mit purem Wasser kommt man in Sachen Gesichtsreinigung nicht besonders weit und auch klassisches Gesichtswasser stößt schnell an seine Grenzen. Mizellenwasser hingegen scheint buchstäblich „mit allen Wassern gewaschen“ zu sein und seine Namensvetter in allem weit zu übertreffen.

Was sind eigentlich Mizellen?

Das Geheimnis des Allrounders sind Tenside mit kugelförmigen Molekülstrukturen, die als Mizellen bezeichnet werden. Diese mikroskopisch kleinen Partikel haben eine wasserlösliche (hydrophile) Hülle und einen fettlöslichen (lipophilen) Kern. Diese Kombination sorgt dafür, dass die klare Reinigungs-Flüssigkeit sich trotz ihres Öl-Anteiles nicht fettig anfühlt und macht gleichzeitig das Entfernen von Schmutz und Make-up so mühelos: Rückstände auf der Haut werden wie von einem Magnet angezogen, im Inneren der Moleküle eingeschlossen und spielend leicht entfernt. Einfach mit einem getränkten Wattepad sanft über den Teint streichen – und staunen.

Wisch und weg

Schluss mit Reinigung in (gefühlt) 100 Schritten! Mit nur wenigen Bewegungen ist das gesamte Make-up entfernt und selbst sensible Haut wird nicht gereizt. Da aggressives Reiben, zum Beispiel beim Entfernen von Mascara, ausbleibt, wird vor allem die zarte Haut der Augenpartie geschont, ebenso die Wimpern. Und das Beste: Das milde Mizellenwasser darf sogar auf der Haut verbleiben und muss nach Anwendung nicht abgenommen werden. So einfach war Abschminken noch nie!

Vorsicht: blinde Passagiere

Durch die geringe Molekülgröße, können Mizellen neben feuchtigkeitsspendenden und rückfettenden Wirkstoffen auch andere Bestandteile der Beauty-Rezeptur quasi huckepack ins Innere der Haut befördern. Und das kann problematisch sein: Umstrittene Konservierungsmittel, wie sie in konventionellen Varianten des Mizellenwasser enthalten sind, schwächen so auf Dauer die Zellmembranen, reizen die Haut und können sogar zu Allergien führen. Einige Produkte enthalten außerdem Nanoteilchen – erst Recht ein klarer Grund, die Finger davon zu lassen.

Natürliche Klassiker neu formuliert

Naturkosmetisches Mizellenwasser hingegen enthält keine bedenklichen Inhaltsstoffe. Es reinigt sanft, bewahrt den natürlich gegebenen pH-Wert der Haut und versorgt sie mit Feuchtigkeit. Spannungsgefühle vor dem Cremen gehören damit der Vergangenheit an. Die Rezepturen beinhalten meist nur Wasser, verschiedene Blütenwässer, Aloe vera und milde Tenside auf Basis von Kokos oder Zucker. Wer hätte gedacht, dass diese Rohstoff-Klassiker dank einer neuen Technologie einmal so up-to-date sein würden?

Mizellenwasser á la nature gibt es bereits von verschiedensten Herstellern:

4 Gedanken zu „Multitalent Mizellenwasser“

  1. Für meine empfindliche Seborrhoea sicca sind die Mizellenwasser die Rettung, da sie so sanft und gründlich reinigen. Ich verwende am liebsten das von Cattier. Ich benötige nur ein Wattepad und nehme damit das gesamte Make-up ab, dann reinige ich mit einer milden Waschemulsion nach. Seitdem ist meine empfindliche Mischhaut nicht mehr irritiert und rot nach der Reinigung. Neulich habe ich auch das Mizellenwasser von Melvita ausprobiert, da hat mir besonders die kleinere Flasche gut gefallen, da es praktischer für Reisen ist. Von der Wirkung her, konnte ich aber keinen Unterschied feststellen.

  2. Die Bildung von Mizellen ist ja eigentlich keine Besonderheit sondern eine zentrale Eigenschaft von Tensiden. Mizellen begegnen uns überall im Alltag und in der Natur.

    Die eigentliche Frage ist, welche besonderen Eigenschaften könnten diese wässrigen Tensidlösungen, die als Mizellenwasser gehandelt werden, vielleicht haben?
    Zunächst einmal handelt es sich um klare, sehr wässrige Lösungen. Normalerweise werden Reinigungsmittel angedickt: bei anionischen Tensiden mithilfe von Salz oder ansonsten mit syntetischen oder natürlichen Polymeren.

    Die Bildung von Mizellen aus den frei schwebenden Tensidteilchen (Monomere) beginnt ab einer spezifischen Tensidkonzentration (critical micelle concentration = CMC), die auch von weiteren Zusätzen beeinflusst werden kann. Bei einer Tensidkonzentration, die knapp oberhalb der CMC liegt, haben Mizellen kompakte Kugelformen. Bei höheren Konzentrationen nehmen die Mizellen andere geometrische Formen und letztlich lamellare Strukturen an.
    Bei Mizellenwasser handelt es sich um niedrig konzentrierte Tensidlösungen, vermutlich um oder knapp oberhalb der CMC.
    Die notwendige Tensidkonzentration (CMC) variiert je nach Tensid/ Tensidsystem und Zusätzen. Je niedriger die CMC desto geringer die Monomerkonzentration (= die Konzentration freier Tensidteilchen). Diese Tensidmonomere haben ein besonders hohes Reizpotentiial, da diese einfacher in die Haut eindringen können als in Form ihrer Zusammenlagerungen, also den entsprechenden Tensidmizellen. Daher haben Systeme mit niedriger kritischer Mizellbildungskonzentration tendenziell ein geringeres Reizpotential.
    Ein weiterer Faktor, der das Irritationspotential eines Tensids festlegt, ist auch die Affinität zu Proteinen und das Denaturierungsvermögen, welches mit dem sog. Zein-Wert eines Tensids erfasst wird. Sulfat- und Sulfonat-Tenside haben beispielsweise einen hohen Zein-Wert.

    Allerdings ist auch die Mizellengröße von Bedeutung. Die gebildeten Mizellen verschiedener Tenside/ Tensidsysteme variieren stark in ihrer Größe und kann ebenfalls durch Zusätze beeinflusst werden.
    Das bekannte Tenside Sodium Lauryl Sulfate (ohne weitere Zusätze) bildet sehr kleine Mizellen mit Durchmesser von rund 4 nm. Man hat festgestellt, dass dies ein Faktor ist, weshalb Sodium Lauryl Sulfate beispielsweise ein sehr hohes Irritationspotential aufweist.
    Um mildere Formulierungen (auch mit Sulfat- oder Sulfonattensiden) zu erreichen, ist man bestrebt, die Formulierung mittels Zusätze und Cotenside so anzupassen, sodass nicht nur der CMC niedrig ist, sondern auch, dass größere Mizellen entstehen. Schon wenige Nanometer mehr im Durchmesser (Mizellendurchmesser zwischen 6- 10 nm) haben einen positiven Effekt. Die Größe von Tensidmizellen kann auch bis zu 50 nm oder mehr betragen. Die Vergrößerung der Mizellen wird beispielsweise durch Kombination verschiedener Tenside erreicht.
    In Mizellenwasserprodukten konventioneller Kosmetik werden häufig Pegylierte Fette oder sogenannte Poloxamere verwendet. Poloxamere sind sehr große PEG-PPG-Blockpolymere. Diese bewirken beispielsweise, dass das Penetrationsvermögen des Tensidsystems vermindert wird (siehe: PEO covered micelles, PEO / SDS pearl necklace model). ) Wahrscheinlich bilden sich in diesem Fall auch sehr große Poloxamermizellen mit Durchmessern zwischen 20 und 80 nm.

    Zusammenfassend kann man sagen, dass ein Mizellenwasser eine wässrige, verdünnte Tensidlösung darstellt, die wahrscheinlich eine besonders niedrige Mizellbildungskonzentration aufweist. Die Mizellen werden vermutlich relativ groß (in einem entsprechenden Patent sind Durchmesser zwischen 5 und 50 nm messtechnisch erfasst worden) und / oder vielleicht auch eine besondere Dynamik aufweisen.

    Hilfreiches Anschauungsmaterial:
    http://www.midwestscc.org/archives/RussellWalters.pdf

    1. Liebe Julia,
      vielen Dank für Deine Ausführungen zu diesem spannenden Thema! 🙂
      Wir finden Deine Ergänzungen zu unseren Artikeln sehr hilfreich für alle unsere Leser, die gern tiefer in die Materie einsteigen möchten.
      Liebe Grüße,
      Dein naturalbeauty-Team

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