Kracher des Monats: Henna

Bio ist besser? Ohne uns, denken immer mehr konventionelle Kosmetikhersteller. Deshalb versuchen sie seit langem, Pflanzenhaarfarben in Verruf zu bringen. Doch verantwortlich für Allergien und Krebs ist gar nicht Henna, sondern meist die von schwarzen Schafen untergemischte Chemikalie PPD. Jetzt kommt Bewegung in den haarigen Fall!

Mahagonirot schimmerndes Haar, goldblonde Locken, sattes Schneewittchen-Schwarz: Solche Haarfarben sind faszinierend, aber den wenigsten Menschen von Natur aus gegeben. Knapp 60 Prozent der deutschen Frauen helfen deshalb ein bisschen nach, indem sie ihre Haare färben. Dass chemische Colorationen nicht ganz ungefährlich sind, ist bekannt, und wird von den meisten mehr oder weniger bewusst in Kauf genommen. Die Produkte können die Kopfhaut reizen, Allergien erzeugen und machen die Haare brüchig. Einige Farbstoffe greifen sogar das Erbgut an, weshalb Blasenkrebs bei Friseuren zu den anerkannten Berufskrankheiten zählt. Doch zum Glück gibt es eine gesunde Alternative: Pflanzenhaarfarben! Diese Mittel tönen super sanft mit pulverisierter Baumrinde, Kamillenblüten, Kräutern und Henna, indem sie die Haare von außen mit einem Farbfilm überziehen, der sie schützt und etwas dicker macht. Eine Coloration, die das Haar nicht schädigt, sondern sogar schön kräftigt und pflegt? Klingt wie ein Traum, doch ausgerechnet Henna, eines der zentralen Färbemittel, ist in den letzten Jahren zunehmend ins Kreuzfeuer der Kritik geraten. Es soll ebenfalls schwere Allergien und DNA-Schäden hervorrufen. Ist da was dran?

Schuldig im Sinne der Anklage: Trickbetrüger im grünen Deckmantel
Ausgelöst wurde die Diskussion zunächst durch den Boom temorärer Henna-Tattoos, den Stars wie Madonna in Gang gebracht haben und der sich auch bei deutschen Frauen rasch großer Beliebtheit erfreute. Doch schon bald gab es zahlreiche Hinweise auf heftige Hautreaktionen, besonders, wenn die Tätowierung ein Mitbringsel aus dem Urlaub war. Auch nach der Verwendung von Pflanzenhaarfarben auf Henna-Basis hagelte es plötzlich so viele Beschwerden, dass sich im Jahr 2011 das Bundesinstitut für Risikoberwertung des Falles annahm. Mit einem überraschenden Ergebnis: Verantwortlich für die aufgetretenen Hautirritationen war gar nicht das Hennapulver selbst, sondern ein häufig zugesetzter chemischer Farbverstärker: p-Phenylendiamin (PPD), sowohl in den Haarfärbemitteln als auch bei den Tattoos. Dieser synthetische Farbstoff, der in konventionellen Colorationen übrigens gang und gäbe ist, kann nicht nur Allergien, sondern bei jahrelangem, häufigen Kontakt sogar Krebs hervorrufen. Bei den vermeintlichen Naturprodukten handelte es sich schlicht und ergreifend um ganz normale Chemie-Haarfarben, denen durch die Mischung mit Henna lediglich ein grüner Anstrich gegeben wurde. Eine Praxis, die auch das Verbrauchermagazin Öko-Test letztes Jahr bestätigt hat: Von 33 untersuchten Pflanzenhaarfarben fielen 15 durch, weil sie synthetische Substanzen wie PPD enthielten. Wer vor solchen miesen Tricks sicher sein will, sollte darauf achten, nur zertifizierte Bio-Haarfärbemittel zu benutzen, die Sie z. B. an den Siegeln von BDIH oder Natrue erkennen. Darin ist die Verwendung chemischer Stoffe grundsätzlich tabu. Auch Schwermetallbelastungen sind in zertifizierten Pflanzenfarben ausgeschlossen, weil die darin verwendeten Kräuter überwiegend aus kontrolliert-biologischem Anbau oder Wildsammlung stammen. Aber was ist eigentlich mit dem natürliche Henna-Inhaltsstoff Lawson? Von dem hört man schließlich auch des öfteren, dass er nicht ganz unbedenklich sei…

Aussage gegen Aussage: Wie gefährlich ist Lawson?

Fakt ist: Der natürliche Blattfarbstoff des Henna-Strauchs, der nach seinem Entdecker, dem schottischen Botaniker Peter Lawson, benannt wurde, wird von der EU seit langem als „möglicherweise erbgutschädigend“ eingestuft. Handfeste Beweise für diesen Verdacht gibt es allerdings nicht. Im Gegenteil: Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung hat bereits 2003 offiziell Entwarnung gegeben, nachdem sich in Tests keine derartige Wirkung durch Lawson nachweisen ließ. Trotzdem beharrte die EU darauf, dass die Unbedenklichkeit von Henna keineswegs anerkannt sei. Es müssten erst mal weitere Sicherheitsdossiers beim Scientific Committee on Consumer Safety  (SCCS) eingereicht werden, dem wissenschaftliches Komitee der Europäischen Kommission. Denn dem Europäischen Industrieverbands für Kosmetik, Körperpflege und Parfum (COLIPA) lägen ernste Hinweise vor, denen zufolge Lawson die Zellen verändern könne. Dass diese Untersuchung von 1996 ist und sich allein auf synthetisch nachgebautes Lawson bezieht, scheint die EU erstaunlicherweise nicht zu interessieren. Ob das womöglich daran liegt, dass sich hinter der COLIPA der Dachverband der konventionellen europäischen Kosmetikindustrie verbirgt, zu dem die führenden Anbieter chemischer Colorationen wie L’Oréal, Unilever und Procter & Gamble gehören?

Freispruch: Etappensieg für Logocos
Doch jetzt gibt es die große Wende: Im September 2013 hat es der Naturkosmetikhersteller Logocos nach 15 Jahren unermüdlichen Kampfes geschafft, für die Pflanzenhaarfarben seiner Marken Logona und Sante eine offizielle Klärung an höchster Stelle zu erreichen. Nach Bewertung der im Unternehmen verwendeten Materialien, Rohstoffkonzentrationen und Anwendungshinweise ist die SCCS zu dem Schluss gekommen, dass das darin eingesetzte Henna als Haarfärbemittel sicher ist, da der Gehalt an Lawson maximal 1,4 Prozent beträgt und das Mischungsverhältnis stimmt. 100g Henna-Pulver sollten mit 300 ml kochendem Wasser angewendet werden. Das bedeutet noch zwar noch nicht, dass Henna von der EU generell für unbedenklich erklärt wird. Aber es ist ein großer Schritt in die richtige Richtung!  

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Mikroplastik, Tierversuche, Hormone in konventioneller Kosmetik, Nanoteilchen und die Duftstoffverordnung.

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