Wirklich nachhaltig? Umweltfreundliche Verpackungen unter der Lupe

Dass der Inhalt stimmt, reicht längst nicht mehr aus: Auch die Verpackung von Naturkosmetikprodukten soll umweltfreundlich sein, sofern möglich auch gern ganz darauf verzichtet werden. Zero Waste, Bio-Kunststoff, Refill und Co. bestimmen den Markt. Aber halten die verschiedenen Systeme tatsächlich, was sie versprechen?
umweltfreundliche Verpackungen

„Verpackungen sollen das Produkt schützen, den Transport der Ware ermöglichen, Informationen bereitstellen, jedoch gleichzeitig die Kunden neugierig machen und für ein Erlebnis beim Auspacken sorgen. Das sind schon Herausforderungen genug. Nun kommen gesetzliche Regelungen und der Anspruch vieler Konsumenten hinzu, dass Verpackungen nachhaltig sein sollen. Aber was bedeutet nachhaltig denn überhaupt im Zusammenhang mit Verpackungen?“ Damit stellt Wolf Lüdge, Programmvorsitzender des Naturkosmetik Branchenkongresses und Geschäftsführer des naturkosmetik verlags, eine berechtigte Frage. „Es geht nicht nur um Schlagwörter wie ‚Recycling‘, ‚umweltfreundlich‘ oder ‚biologisch abbaubar‘. Nachhaltige Verpackung ist ein hoch komplexes Thema, das aktuell für zahlreiche Diskussionen und Lösungsansätze, aber auch für viel Verwirrung sorgt“, so Wolf Lüdge.

In der Tat. Nicht alles, was nachhaltig klingt, ist am Ende auch funktionell und durchdacht. Wir haben das Thema Verpackung von Kosmetik genauer unter die Lupe genommen.

Zero Waste – ein Hauch von Nichts, Papier und Glas

Die Königsdisziplin in Sachen Packaging: Zero Waste. Dahinter steckt in erster Linie der Verzicht auf Plastik. Pappe und Papier sind hingegen erlaubt, gegebenenfalls auch Glas. Seifen und feste Shampoos sind die Heros dieser Bewegung – denn je weniger Hülle, desto besser. Daneben werden Zahnputztabletten gehyped, sowie jede Menge Zubehör wie waschbare Abschminkpads oder Bambuszahnbürsten. Natürlich ist der Verzicht auf Kunststoff und Verpackungen ein sinnvolles Vorhaben. Doch der Trend funktioniert nicht bei jedem Vorhaben: „Leider setzt entweder die Rohstoffauswahl oder die Herstellung Grenzen, alle Produkte einfach fest zu machen“, so Susanne Gans, Leiterin Labor bei Speick Naturkosmetik. Flüssige Produkte wie Lotionen oder Duschbäder benötigen eben eine Primärverpackung. Hier kommt der Handel ins Spiel: In Unverpackt-Läden hat man die Möglichkeit, sein Wunschprodukt aus dem Kanister abzufüllen.

Dann wären da noch die Deodorants in der Papierhülse – eine geniale Lösung, um Plastik zu vermeiden. Aber auch hier scheitert es mitunter an der Formulierung und der Mechanik:

„Die Formulierung muss so pastös sein, dass diese beim heißen Eingießen nicht herausläuft, denn Papphülsen sind ja nicht dicht. Dann kommt das Problem der Materialverträglichkeit mit dem Füllgut – man möchte ja keine Innen-Plastikbeschichtung. Also saugt die Pappe die Stiftmasse mehr oder minder auf, was man mit der Zeit als fettiges Gefühl beim Gebrauch spürt. Dann kommt die Mechanik: Momentan gibt es nur Papphülsen, deren Boden man nach oben drücken muss. Da sich die Stickmasse nicht mit dem Boden verbindet und arretiert werden kann, muss man den Stift mit Fingerdruck von unten halten“, erklärt Susanne Gans. Sie berichtet von weiteren Problemen, die das komplette Aufbrauchen des Produktes verhindern oder die Ästhetik nach mehreren Anwendungen mindern.

Wie sieht es mit Glas aus? Vielleicht ist die Rückkehr zu Tiegeln, Fläschchen und gläsernen Vorratsbehältern ja DIE Lösung?! Leider nein, wie Susanne Gans erläutert: „Die Verpackung muss immer an die Anwendung angepasst werden. Duschbäder in Glasverpackungen sind durch die Bruchgefahr ein Risiko bei der Verwendung.“ Aber nicht nur die Gefahr von zerbrechlichem Material im Badezimmer gehört zu den Schattenseiten: „Zudem ist Glas schwer und sorgt für hohe Transportkosten. Es benötigt eine spezielle Versandverpackung. Selbst wenn Glas dem Verbraucher immer als nachhaltigste Lösung erscheint – in Bezug auf den CO2 Footprint trifft das nicht zu!“, macht Susanne Gans deutlich.

Nachdem nicht alles „ganz ohne“ auskommt und auch Papier und Glas nicht immer funktionieren, scheint man um Kunststoffe nicht gänzlich herum zu kommen…

Bio-Kunststoff und Polywood

Es ist immer wieder die Rede von sogenanntem „Bio PE“ – aber was ist das genau und was ist daran besser als an “normalem” Plastik?

„Für biobasierte Kunststoffe werden Pflanzen eingesetzt, die normalerweise der Ernährung von Menschen und/oder Tieren dienen und die üblicherweise in Monokulturen angebaut werden. Das erschien uns als wenig sinnhaft“, erklärt Stephan Becker, Geschäftsführer von cosmondial mit den Marken benecos und GRN. „Biologisch abbaubare Kunststoffe haben uns noch am ehesten überzeugt, allerdings liegt hier die Krux in der industriellen Gewinnung, wie auch in der Entsorgung: Auf den Komposthaufen oder in die Biotonne kann man diese Verpackungen heute noch nicht geben, da hier nicht die Feuchte- und Temperaturbedingungen herrschen, die benötigt werden, damit sich diese Kunststoffe zersetzen können. Auch der zeitliche Verlauf steht nicht im Rahmen der Anforderungen an die Kompostierbarkeit. So sehen es im Übrigen auch das Umweltbundesamt und Experten der Naturschutz- und Umweltverbände.“

Kann man das tatsächlich so schwarz-weiß betrachten? Gibt es bei Gewinnung und Entsorgung nicht trotzdem Pluspunkte gegenüber herkömmlicher Plastik?

„Bio PE wird bei uns aus Zuckerrohr hergestellt“, verrät Susanne Gans von Speick. „Jede hergestellte Tonne Bio PE bindet durch diese natürliche Ressource (via Photosynthese) 2,5 Tonnen CO2.  Darüber hinaus werden 2,1 Tonnen CO2, die bei der Herstellung von petrochemischem PE entstehen würden, vermieden. Rechnerisch ergibt das eine Gesamtreduktion von 4,6 Tonnen CO2 pro Tonne Bio PE bei der Herstellung“, erläutert sie. Und sie rechnet noch weiter: „Unser Bio PE kann recycelt werden. Bei thermischer Verwertung erfolgt eine saubere Verbrennung durch Zerfall in Kohlensäure und Wasserdampf. Das Recycling spart im Durchschnitt etwa 2,5 kg CO2 pro kg Kunststoff und es ergibt sich so eine Reduzierung des Treibhauseffekts.“

Seit einiger Zeit gibt es ein weiteres als umweltfreundlich geltendes Verpackungsmaterial: Polywood verwendet Holzfasern aus nachhaltiger Forstwirtschaft und reduziert den Rohölanteil bei der Herstellung von Kunststoffen um bis zu 30 %. Feinholz-Naturfasern werden dabei an die Polymere der Kunststoffmasse (PP, PE oder PS) angedockt. Oftmals werden hierfür Holzabfälle aus regionaler, nachhaltiger Forstwirtschaft verwendet. Die Nutzung soll einen Anreiz schaffen, Flächen und Wälder nachhaltig zu bewirtschaften. Polywood wurde zum Beispiel von SANTE eingesetzt und aktuell von der Trendmarke Überwood. Breit durchgesetzt hat sich das Material dennoch nicht, was an seiner speziellen Optik und Haptik liegen könnte. Außerdem besteht bei allen dem Kunststoff beigemischten Materialen das Problem, dass die Grundstoffe beim Recycling nicht mehr getrennt werden können. Damit ist Polywood nicht recycelbar und keine optimale nachhaltige Lösung.

Cellophan – Bio-Folie aus Cellulose

Das Thema Folie in Verbindung mit (Natur)Kosmetik erscheint auf den ersten Blick unnötig. Selbst bei Seifen gibt es Exemplare, die ganz wunderbar ohne die Klarsichthüllen auskommen. Es ist aber die Verwendung ätherischer Öle, die Hersteller bei den Zero-Waste-Helden vor eine Herausforderung stellt: „Die Seifen dürfen nicht nur frisch piliert gut riechen, sie sollen auch nach einer Lagerung duften und womöglich auch bei der Anwendung noch“, so Susanne Gans. „Bei synthetischen Parfümen können Fixateure eingesetzt werden, die diese Funktion der Haltbarkeit übernehmen. Bei Bio gibt es das nicht. Aus Laborsicht sollte jede Seife mit ätherischen Ölen daher möglichst sofort und sehr gut verpackt werden. In der Regel werden unsere Seifen im FSC Kartonfaltschachteln verpackt. Auch unsere unverpackten Seifen benötigen ein Etikett mit den Pflichtangaben und einen Umkarton zum Versand.  Unsere Melosseifen werden mit Cellophan verpackt. Diese Bio-Folie wird aus Holzcellulose hergestellt und ist kompostierbar – was will man mehr?“

Eine gute Frage. Der vermehrte Einsatz biologisch abbaubarer Rohstoffe wäre definitiv wünschenswert. Aber vielleicht gibt es auch einen anderen Ansatz.

Recycling-Kunststoff

Wäre es nicht eine Möglichkeit, Kunststoffe für Naturkosmetikverpackungen generell aus wiederverwerteten Rohstoffen zu beziehen?

Stephan Becker sieht dabei Schwierigkeiten: „Bei den recycelten Kunststoffen haben wir das Problem, dass diese von Produktionscharge zu Produktionscharge unterschiedlich aussehen, was dann zu Rückfragen von Handel und Verbraucher führt. Außerdem sind die Verpackungen meist spröder und damit beim Finish weniger praktisch.“ Optik und Performance sprechen also dagegen. Susanne Gans von Speick geht mit der Kritik sogar noch einen Schritt weiter „Bei allen Ausgangsrohstoffen, so auch bei Recyclaten muss man immer genau das Ausgangsmaterial kennen, um in der Sicherheitsbewertung das Migrationsrisiko von Schadstoffen abschätzen zu können.“

Speick hat sich einige denkbare Lösungen angesehen, die Ergebnisse waren allerdings alles andere als zufriedenstellend: „Es gibt PET Flaschen, deren Material aus gesammelten englischen Milchflaschen stammt. Leider war der Eigengeruch des Recyclates unangenehm.“ Auch Flaschen aus Plastikmüll aus dem Ozean kam letztlich nicht in Frage, da der Ursprung des Materials unklar ist. Dasselbe gilt für Plastik aus dem Gelben Sack: Trennung und Aufbereitung für sortenreine Ware würden die Umstellung des ganzen Wertstoff-Recycling-Systems bedeuten. „Wir suchen weiter nach einer Lösung für Kosmetik konformes PE Recyclat, auch wenn man in der Gesamtbilanz die ganze Energie oder das Frischwasser, welches man für eine Aufarbeitung benötigt, mit berücksichtigen muss“, so Susanne Gans.

Wer im Handel auf Beautyprodukte stößt, deren Tuben gemäß Hersteller einem Anteil an PE Recyclat haben, sollte noch folgendes bedenken: Wegen der Migrationsproblematik werden diese Tuben zweischichtig gemacht. Innen liegt eine ausreichend dicke PE Schicht aus Neumaterial, die jegliche Migration ausschließt. Der Tubenhals und auch der Verschluss können herstellungsbedingt generell nicht aus Recyclatmaterial gemacht werden. Wenn man dann noch die energieintensive, aufwändige und kostenintensive Verarbeitung anschaut und dass man bei dieser Version eigentlich mehr Material benötigt anstelle einzusparen, dann muss man die Frage nach dem Sinn stellen…

Refills – auffüllen, tauschen, anwenden

Eine echte Möglichkeit Verpackungen zu sparen, sind Refills. So kann man Flüssigseifen schon längst in Nachfüllpackungen kaufen und daheim ohne großen Aufwand umfüllen. Für Cremes und Co. ist das aufgrund der Konservierung und gesetzlicher Bestimmungen kaum möglich. BIRENSTOCK NATURAL SKIN CARE hat hierfür zum Beispiel eine elegante Lösung gefunden: Die stabilen und optisch ansprechenden Flaschen ausgewählter Pflegeprodukte enthalten austauschbare Kartuschen mit Airless-Spender. Ist ein Produkt leer, wird die umweltfreundliche Nachfüll-Variante nachgekauft und im Originalbehälter ausgetauscht. Die Refills, die auch ohne ihre Hülle nutzbar sind, fungieren zudem als praktische Travel Sizes. Mit dem Kauf einer Kartusche anstelle eines Produktes in kompletter Verpackung kann rund 1/3 an Material eingespart werden.

Anders betrachtet, wird hier einem Gebinde, das ohne zusätzliche Hülle verwendet werden könnte, eine schicke, aber aufwändige Umverpackung hinzugefügt – ein hoher Materialeinsatz, der funktionstechnisch nicht nötig wäre. Laut BIRKENSTOCK ist die edle äußere Hülle vor allem für all jene gedacht, die Wert auf eine besonders attraktive Optik legen. Im Sinne der Nachhaltigkeit wird Kunden jedoch geraten, von Anfang an nur das Refill-Produkt zu kaufen.

Es bleibt zu bedenken, dass Airlessspender aufgrund ihrer Komplexität, der aufwändigen Mechanik, dem Materialeinsatz und dem notwendigen Materialmix ohnehin nicht die umweltfreundlichsten Verpackungssysteme sind. Sie bieten durch ihren Aufbau aber den Vorteil, dass ein Produkt weder mit Luft, noch mit Verunreinigungen in Berührung kommt. Als Verpackung, insbesondere für Naturkosmetik, sind sie deshalb besonders hygienisch und sicher. Ein zweischneidiges Schwert.

Anders verhält es sich mit praktischen Refill-Lösungen beim Make-up, wie sie zum Beispiel benecos oder BAIMS anbieten. Eine Palette, bei der immer wieder nur die Pfännchen getauscht werden, spart Ressourcen.

Insgesamt ist das Angebot bei den Nachfüllern schmal. Susanne Gans erklärt, woran das liegt: „Der Handel bestimmt, was in das Regal kommt. Regalplätze sind knapp und werden mit Artikeln gefüllt, die sich sehr gut verkaufen. Nachfüller müssen es so erst einmal in das begehrte Regal schaffen und das geht ja nur wenn das Original einen Platz hat.“  Eine solche, kostbare Zweitplatzierung, ließe sich auch für etwas Anderes nutzen. Rein betriebswirtschaftlich ein NoGo.

Unser Fazit

Beim Thema Verpackung gibt es die unterschiedlichsten Ansätze und Perspektiven. Bisher hat sie nur noch nicht jeder Hersteller in Erwägung gezogen oder die perfekte Lösung für sich gefunden. „Ich wünsche mir, dass gerade die Naturkosmetikbranche erkennen könnte, welches Potenzial nachhaltige Verpackungskonzepte für die eigene Marktpositionierung bieten. Insbesondere, wenn diese Konzepte auf Basis einer klaren, in sich schlüssigen Nachhaltigkeitsstrategie entwickelt werden. Dann sind nachhaltige Verpackungen nicht mehr das rechtlich aufgezwungene Muss, sondern werden zum Erfolgsfaktor“, so Dipl.-Ing. Carolina Schweig. Auf dem Naturkosmetik Branchenkongress in Berlin  wird die Verpackungsmaterial- & Technologie-Spezialistin, sowie Inhaberin des Verpackungsberatungsunternehmens C.E. Schweig, in ihrem Vortrag darlegen, wie Eco-Design umgesetzt und die Kreislaufwirtschaft gefördert werden kann. Darauf folgt die Expertendiskussion „Kreislaufwirtschaft bei Verpackungen weltweit gefragt – aber wie?“. Vielleicht kommen wir mit neuen Ansätzen vom Kongress zurück…

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