Rohstoffmangel bei Bio-Beauty?

Natur ist Trend. Daher entdecken auch immer mehr konventionelle Kosmetikfirmen pflanzliche Zutaten für sich. Die Nachfrage steigt, wetterbedingte Ernteausfälle tun ihr Übriges und so ist es nicht selten, dass Engpässe bei Pflanzen und Ölen auftreten. Preissteigerungen von mitunter 300 Prozent belasten den Markt und wer (trotzdem) große Mengen abnimmt, wird schließlich von Lieferanten begünstigt. Naturkosmetikhersteller über ihre Erfahrungen mit raren Rohstoffen.
FAKTEN Rohstoffmangel bei Bio-Beauty? Bild: Unsplash

Laut einem Bericht der taz Redaktion sind Rohstoff-Engpässe heute keine Seltenheit und machen auch vor Branchenpionieren keinen Halt. Gerade bei essenziellen Zutaten wie Vanille-, Rosen-, Geranium- und Bio-Zitrusölen, kommt es laut Bas Schneiders, Einkaufsleiter bei Weleda, immer wieder zu Schwierigkeiten. Auch traditionelle Heilpflanzen, wie die Kamille, sind betroffen. Preissteigerungen von 10 bis 20 Prozent sind keine Ausnahme, sondern eher der Trend.

Neue Mitspieler auf dem globalen Markt

Laut Branchen­expertin Elfriede Dambacher setzt vor allem der steigende Absatz von Naturkosmetik den Rohstoffmarkt zunehmend unter Druck. Während der gesamte Kosmetikhandel in Deutschland zwischen 2012 und 2015 jährlich etwa 1 Prozent zulegte, verzeichnete die Naturkosmetik Zuwächse von um die 10 Prozent. Wen wundert es da, dass Kosmetikriesen ein Stück vom Kuchen abhaben möchten? Die Hauptgefahr: Eine Verdrängung der Pioniere durch die Zulieferer der Big Player.

Aber das ist längst nicht alles. Weleda beklagt laut taz nicht nur die Konkurrenz klassischer Kosmetikfirmen. Auch in den USA boomende Aromatherapie-Anbieter, Hersteller von Duft- und Geschmacksstoffen sowie Lebensmittelproduzenten bedrängen den natürlichen Markt. Zudem kommt es zur Verknappung des Angebots durch negative Umwelteinflüsse.

Markus Wegmann, Einkäufer bei Farfalla bestätigt diese Erfahrungen. „Rohstoffengpässe kennen wir sehr gut, natürlich auch aufgrund von wetterbedingten Ausfällen.“ Manchmal gibt es jedoch auch ganz andere Gründe: „ Ein frappantes Beispiel war die Immortelle, unser ehemaliger Lieferant hat plötzlich einen großen Hersteller beliefert und wir haben keine Ware mehr bekommen“, so Wegmann über die Hürden der Naturkosmetikproduzenten. Neben der Immortelle seien es beispielsweise Vanille, Rose und Neroli, die durch das Interesse der Großkonzerne weniger verfügbar sind.

Natur als Austauschstoff

Susanne Gans, Leitung Labor bei SPEICK Naturkosmetik, stimmt dem zu: „Leider werden vor allem ätherische Öle knapp.“ Als Grund hierfür sieht sie einen ganz anderen Trend, der unter anderem bei Lemongrass-Öl zu beobachten ist: „Sein Hauptbestandteil Citral ist als synthetische Ware nicht verfügbar. Hier hatte BASF, der Hauptlieferant, einen Betriebsunfall und musste die Produktion stoppen. In China müssen dank neuer ökologischer Bestrebungen viele Fabriken geschlossen werden. Sie können einen neuen Standard nicht einhalten. Und wenn keiner mehr produziert, dann wird der Rest zu Spitzenpreisen verkauft.“ Ähnlich verhält es sich mit naturreinem Lavendelöl.

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Heiß begehrt und immer teurer: Vanille. © pixabay
Hohe Preise und schlechte Aussichten

Was rar ist, ist auch teuer. Wen wundert es also, dass pflanzliche Rohstoffe und Öle zu hohen Preisen gehandelt werden. Farfalla konnte teilweise deutliche Preissteigerungen beim Einkauf verzeichnen: „Enorm ist der Anstieg beispielsweise bei Vanille. Von Ende 2016 bis Mitte 2018 waren es 300 Prozent aufgrund einer spekulativen Blase. Auch bei Neroli gibt es extreme Preissteigerungen“, so Wegmann gegenüber naturalbeauty.de.

Susanne Gans hat ähnliche Erfahrungen gemacht: „Kostete 2012 Orangenöl noch 8,50 € so lagen wir 2016 bei 14,60 €. Der Preis für Menthol verdoppelte sich. Bei Grapefruit Öl aus Florida ist es ganz krass: Innerhalb eines Jahres stieg der Preis pro Kilogramm von 15 € auf 105 €. Vanille als CO2 Extrakt braucht sich da nicht verstecken. Hier muss man heute das Zehnfache des ursprünglichen Preises bezahlen.“

Keine einfache Situation. Laut Elfriede Dambacher haben die Pioniere derzeit noch den Vorteil lange bestehender Kontakte in die Anbaugebiete. „Diese kommen uns definitiv zu Gute,“ bestätigt Wegmann, „da wir seit 20, 25 Jahren sehr treue Abnehmer sind, wir oft sogar Jahresverträge abschließen, was uns zum Bespiel beim Mandelöl sehr zugute kam. Da gab es aufgrund der Trockenheit in den USA letztes Jahr eine schlechte Ernte. Je länger, je mehr zahlen sich gute Lieferantenbeziehungen aus. Und wenn die Qualität stimmt, sind wir unseren langjährigen Anbaupartnern treu.“

Bei SPEICK ist es ganz ähnlich: „Leider haben wir keine eigenen Anbaugebiete, einmal von unserem Speick als kontrollierte Wildsammlung abgesehen. Wir machen aber bei vielen Rohstoffen, vor allem bei den Parfümierungen, Kontrakte über 1 bis 2 Jahre. Da können unsere Lieferanten strategisch ihren Einkauf planen und durch die eingelagerten Mengen haben wir eine Preisstabilität. Bei Vanille melden wir unseren Bedarf schon Jahre im Voraus an, damit uns die Firmen unsere Wunschmenge zumindest einplanen können.“, so Susanne Gans. Die edle Schote unterliegt wohl auch künftig langfristigen Engpässen: Klimatisch bedingte, jahrelange Missernten sind der eine Grund, die Problematik aber vor Ort noch verschärft: „Das Wenige, was oft von den Vanilleschoten übrig bleibt, wird gestohlen, oft unreif und dadurch auch nicht verwertbar“, fügt Susanne Gans hinzu. Für die Zukunft bleiben die Aussichten vielerorts schlecht: „Ernten verkümmern wegen Vulkanausbrüchen, Waldbränden oder einer Überschwemmung. Ein Hurrikan hat in Florida die ganze Grapefruiternte vernichtet. Die übrig gebliebenen Früchte vergammelten, da kein Strom für die Bearbeitung da war. Dem Lavendel macht wohl ein Pilz zu schaffen, der bei zu viel Feuchtigkeit auftritt. Dieser Pilzbefall muss erst bekämpft werden und das Feld bleibt unbenutzbar. Es dauert Jahre, bis wieder an der gleichen Stelle Lavendel angebaut werden kann“, so Gans.

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Zu kompliziert: Die Kosmetik geht leer aus

Als Motor von Schwierigkeiten am Rohstoffmarkt gilt unter Experten zudem die REACH Verordnung: „Zuerst mussten nur Rohstoffe, die mengenmäßig über 100 Tonnen, dann die über 10 Tonnen und zum Schluss schließlich bereits die über 1 Tonne produziert wurden, registriert werden. Dann folgte die Notwendigkeit zur Ermittlung der geforderten toxikologischen Daten. Schwierig auf der einen Seite, da Tierversuche verboten sind und viele Ersatzmethoden noch nicht validiert und damit einsetzbar sind. Und auf der anderen Seite sehr kostenintensiv mit viel Bindung von Kapazitäten, die man anderweitig benötigt“, so Susanne Gans. Das führt leider dazu, dass Hersteller die Produktion bestimmter Zutaten einstellen oder nicht mehr an die Kosmetik verkaufen. „So ging es uns bei pflanzlichen Emulgatoren. Diese dürfen ohne weiteres nur noch in die Lebensmittelindustrie verkauft werden, da hier die Toxdaten nicht gefordert werden“, so Gans.

Neue Rohstoffe, neue Hürden

Laut taz-Bericht sieht Elfriede Dambacher weitere Hürden bei innovativen Rohstoffen: Im Fall von Neuheiten und Trendprodukten hätten die Pioniere zunehmend das Nachsehen. Bei Acaii-Beeren, Marula- und Arganöl seien die Kosmetikriesen viel schneller bei der Erschließung von Lieferquellen gewesen. Hinzu kommt, dass gerade das auf den Markt bringen neuer pflanzlicher Rohstoffe erschwert wird. Hintergrund ist das Nagoya-Protokoll. Sein Ziel ist es, zu gewährleisten, dass der Zugang zu natürlichen Rohstoffen nur zu fairen und transparenten Bedingungen möglich ist. Demnach sollen die Herkunftsländer in gerechter Weise an den Vorteilen, die sich aus der Nutzung ihrer Ressourcen ergeben, beteiligt werden. Mit diesem Abkommen soll sogenannter „Biopiraterie“ entgegen gewirkt und das Interesse am dauerhaften Erhalt von biologischer Vielfalt gesichert werden. „Verantwortungsbewusste Hersteller nehmen das Nagoya Protokoll ernst. Wer heute einen neuen Pflanzenrohstoff kreiert, muss beachten, welche Vorgaben zur Nutzung des Biomaterials gemacht werden“, so Susanne Gans von Speick.

Fazit

Der Rohstoffmarkt war schon immer eine Herausforderung. Doch was sich in letzter Zeit an neuen Hindernissen auftut, welcher Konkurrenzkampf teilweise tobt, wie die Preise empor schießen und welche Gegebenheiten Naturstoffe zu Austauschstoffen degradieren, schürt die Gefahr, dass sich Bio-Beauty in Zukunft deutlich verteuert. Dann wird sich die Frage stellen, wie viel wir bereit sind für die natürliche Schönheit zu zahlen, oder ob wir nach Möglichkeit auf eher bezahlbare Varianten ausweichen (müssen). Im Preiskampf haben meist nur die Großen das Sagen… aber bisher hat die Naturkosmetikbranche trotzdem immer ihren Weg gefunden.

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