Naturkosmetik und Wirksamkeit:
ein Widerspruch?

Für die einen ist Naturkosmetik der Heilige Gral der Schönheitspflege, für die anderen Kosmetik ohne echte Effekte. Aber sind Naturkosmetik und Wirksamkeit tatsächlich ein Widerspruch? Und welche Rolle spielen Nachweise für moderne Bio-Beauty?
Naturkosmetik Wirknachweis

Für Wolf Lüdge, Geschäftsführer des naturkosmetik verlags, gehören Naturkosmetik und Nachweise untrennbar zusammen: „Nachweise sind heute ein Must-Have – sei es für die Verträglichkeit oder die Wirksamkeit eines Produktes. Kosmetik soll nicht mehr nur gesund sein und pflegen, sondern auch messbare Effekte erzielen. Gerade in Vertriebskanälen wie Apotheke und Parfümerie sind Wirknachweise eine Selbstverständlichkeit, ganz besonders wenn sich eine Marke hier noch etablieren muss.“

Es kommt demnach immer noch darauf an, wo ein Produkt verkauft wird und welche individuellen Ansprüche ein Käufer hat. Aber…

Kann man allgemein davon sprechen, dass moderne Naturkosmetik so wirksam ist wie konventionelle Kosmetik?

„Grundsätzlich kann man das durchaus sagen“, meint Silke Becker, Direktorin Marketing Cosmondial mit den Marken benecos und GRN. „Allerdings kommt es hier auch auf die Produktgruppe an, die gefragt ist. Hautcremes und Haarprodukte wie Shampoos beispielsweise, stehen entsprechenden konventionellen Produkten in nichts nach und bieten zusätzlich noch den Vorzug, dass bestimmte umstrittene Inhaltsstoffe nicht enthalten sind, da diese in der zertifizierten Naturkosmetik nicht verwendet werden dürfen.“ Ein Grund hierfür sieht Silke Becker in den Fortschritten der Forschung und Entwicklung: „Dadurch können immer mehr synthetische Stoffe durch natürliche Rohstoffe bzw. durch Stoffe natürlichen Ursprungs ersetzt werden. Ein tolles Beispiel hierfür ist etwa das noch eher unbekannte Brokkolisamenöl, welches eine beeindruckende Fettsäurezusammensetzung aufweist und sich sehr geschmeidig anfühlt, weshalb es gut anstelle von Silikonen eingesetzt werden kann. Im Produkt hat es den gleichen Effekt, es beschwert beispielsweise die Haare nicht und ist zudem eine umweltfreundliche Alternative aus der Natur.“

Michèle Prévôt von farfalla stimmt dem zu und sieht eine Beweislast bei beiden: „Es gibt sowohl auf Seite der Naturkosmetik, wie auch konventioneller Kosmetik, zahllose bewährte und immer wieder neu entwickelte Wirkstoffe, die allesamt getestet und deren Wirkung nachgewiesen ist. Man kann also sagen, dass Naturkosmetik genauso wirksam ist wie konventionelle Kosmetik und in der Wirkung in nichts nachstehen muss. Die Frage hier ist mehr eine prinzipielle, für welche Art von Kosmetik ich mich grundsätzlich entscheide und weshalb. Wirksam sind beide und beide müssen ihre Wirksamkeit belegen.“

Auch für Tassja Dâmaso, PR-Managerin bei Weleda, kann Naturkosmetik heutzutage eine ähnliche Wirkung wie konventionelle Kosmetik erzielen. Im Unterschied zu konventioneller Kosmetik liegt der Naturkosmetik oftmals jedoch ein ganzheitliches Pflege- und Schönheitskonzept zugrunde: „Bei der Forschung und Entwicklung ihrer Naturkosmetikprodukte orientiert sich Weleda zusätzlich an den biografischen Gesetzmäßigkeiten der Entwicklung des Menschen und berücksichtigt hierfür die besonderen Wesensarten der jeweiligen Leitpflanzen. Das Wesen und die Wirkweise einer Pflanze zu erkennen und sie gezielt für eine ganzheitliche Wirkung auf Körper, Geist und Lebensenergie einzusetzen, zeigt: Das Geheimnis liegt in der Natur. Für die Wirksamkeit der Produkte sind ganzheitliche Kompositionen entscheidend. Zudem hat Weleda eine fast 100-jährige Expertise in anthroposophischen Arzneimitteln, welche auch für die Naturkosmetik genutzt werden kann.“

Naturkosmetik kann mit konventioneller Pflege also durchaus mithalten – der Ansatz ist jedoch ein anderer. „Für uns ist Naturkosmetik die bessere Wahl, wenn man Wert auf die Verwendung von natürlichen Inhaltstoffen legt. Die zertifizierte Naturkosmetik hat sehr viele positive Aspekte und ist an strenge Auflagen gebunden. Unserer Ansicht nach, geben wir der Haut das Beste aus der Natur zurück“, meint auch Sara Honerkamp, Senior PR Manager bei Laverana.

Aber gehen wir einen Schritt weiter.

Ist die Wirksamkeit von Naturkosmetik tatsächlich erwiesen? Und wie wichtig sind solche Nachweise für die Hersteller und Kunden?

Bestimmte Wirkweisen (= Claims) müssen getestet und nachgewiesen werden z.B. wenn ein Anti-Falten-Effekt vorgesehen ist oder ein Shampoo für Glanz im Haar sorgen soll. Daher sind Produkte, die eine entsprechende Wirkung versprechen, daraufhin getestet“, so Silke Becker von cosmondial. „Als Unternehmen ist es uns wichtig, Produkte auf den Markt zu bringen, die Nachhaltigkeit mit einer komfortablen Anwendung und einem zufriedenstellenden Ergebnis verbinden. Deshalb ist ein positives Feedback durch einen Test für uns eine Bestätigung, dass wir eine gute Arbeit geleistet haben und ein tolles Produkt entstanden ist.

 Nachweise geben Unternehmen demnach einen Nachweis des Erfolgs. Und den Verbrauchern?

„Unseren Kunden geben solche Ergebnisse die Sicherheit, dass die Produkte halten, was sie versprechen. Wobei man an dieser Stelle trotzdem ergänzen sollte, dass nicht jedes Produkt bei jedem individuellen Haut- bzw. Haartyp auch gleich gut wirkt. So muss jeder Einzelne für sich testen und entscheiden, welches Produkt bei ihm am besten funktioniert. Hierfür bieten wir mit unseren beiden Marken ein breites Sortiment verschiedenster Produkte, in dem jeder für sich die passende Pflegekombination finden kann“, ergänzt Silke Becker. Ob die Bedeutung von Wirknachweisen insgesamt zugenommen hat, entzieht sich ihrer Kenntnis. „Für uns ist es aber ganz klar, dass, wenn wir eine bestimmte Wirkung ausloben, sich dahinter nicht nur leere Versprechungen verbergen, sondern dass hierfür ganz eindeutige Belege vorliegen.“

Naturkosmetik Wirknachweis
© chuttersnap on Unsplash
Wirknachweise für (Natur-)Kosmetik – Pflicht oder Kür?

Das beantwortet Michèle Prévôt von farfalla ganz eindeutig: „Wenn wir auf dem Produkt eine Wirkung ausloben wie beispielsweise „strafft“, dann ist diese Wirkung in diesem Produkt auch konkret getestet und von unabhängiger Stelle (externes Testlabor) dokumentiert. Diese Nachweise sind nicht nur wichtig für uns und die Konsumentinnen, sondern in der Branche auch vorgeschrieben!“ Und wie ist das Interesse von Verbraucherseite? „Wir sehen keine Zunahme der Bedeutung solcher Nachweise, sie waren in der Kosmetik schon immer sehr wichtig und sind es nach wie vor. Wir stellen aber fest, dass sich Konsumentinnen und Konsumenten zunehmend Gedanken darüber machen, woher solche Wirkstoffe kommen und ob sie natürlich sind oder nicht. Also: welcher Extrakt oder Inhaltsstoff führt denn dazu, dass es strafft? Das Bedürfnis zum Verständnis der Wirkweise ist unseres Erachtens gestiegen was zu mehr Transparenz und Information führt. Es reicht nicht mehr zu sagen „speziell entwickelte Wirkstoffe…“ sondern man muss sie konkret benennen und erklären. Wirkstoff A macht dieses, Wirkstoff B macht jenes und insgesamt wirkt dann das Produkt so und so.“

Details spielen eine immer größere Rolle. Was für Verbraucher allerdings kaum nachvollziehbar ist:  Ob es sich beim Einsatz eines Rohstoffes im Endprodukt um die gleiche Konzentration wie bei der Testung handelt.

Hier ist Konsequenz und Authentizität von Herstellerseite gefragt. „Bei unseren Studien stand immer das fertige Produkt im Fokus. Während der Skizzierung eines Produktes werden zwar die jeweiligen Rohstoffe nach den gewünschten Wirkweisen zusammengestellt, letztendlich kommt es aber darauf an, wie die Inhaltsstoffe im Zusammenspiel untereinander und mit den anderen im Produkt enthaltenen Stoffen funktionieren. Schließlich will sich der Kunde ja auf die Wirksamkeit des fertigen Produktes verlassen können und nicht nur hören, dass der Rohstoff „a“ oder „b“ eigentlich für eine gewünschte Wirkweise stünde“, so bringt es Silke Becker von cosmondial auf den Punkt.

Auch bei farfalla sind konkrete Wirknachweise unerlässlich. Michèle Prévôt: „Wir führen zu jedem neu lancierten Produkt mit konkreten Wirkversprechen die notwendigen Tests durch mit den externen Labors und erhalten davon die Prüfberichte. Auch liegen uns zu eingesetzten Wirkstoffen vom Lieferanten bereits vorgetestete Wirknachweise vor. Diese müssen bereits verfügbar sein da er sonst seinen Wirkstoff gar nicht verkaufen kann.“

Laverana erachtet ebenfalls  Studien zu den einzelnen Rohstoffen als auch zu den Produkten als notwendig: „Alle unsere Produkte werden dabei nicht nur von unabhängigen Testinstituten auf Herz und Nieren geprüft getestet, sondern auch in unserem eigenen Testcenter und der Forschungs- und Entwicklungsabteilung“, so Sara Honerkamp.

Für Weleda steht in vielerlei Hinsicht die Leitpflanze im Fokus: „Ganz im Sinne der anthroposophischen Lehre konzipieren wir unsere Pflegeserien anhand einer sogenannten Leitpflanze. Von der Leitpflanze (z.B. Granatapfel oder Mandel) werden Eigenschaften und Inhaltsstoffe, die für uns Menschen wertvoll sind, angeschaut und geprüft, in welchen Äußerungen und Gesten die Pflanze nachahmenswert erscheint“, erklärt Tassja Dâmaso. An dieser Stelle kommt die Wissenschaft ins Spiel: „ Hier ist der Austausch zwischen Menschen der verschiedenen Fachrichtungen außerordentlich wichtig (Botanik, Pharmazie, Kosmetik, Medizin), um gemeinsam zu einem immer umfassenderen Verständnis zu kommen, was dann am Ende zur Entwicklung neuer Produkte führt.“

Apropos: Welche Rolle spielt für Unternehmen die Wirksamkeit bei der Neukonzeption von Produkten?

Das hängt laut Herstelleraussagen ganz von den Produkten ab…

„Hier unterscheiden wir zwischen unseren beiden Marken GRN – shades of nature und benecos. Bei der Entwicklung der im gehobenen Mittelpreis angesiedelten Marke GRN spielt die Wirksamkeit der Produkte eine größere Rolle, da das Sortiment an die Bedürfnisse verschiedener Haut- und Haartypen angepasst ist und somit spezifische Wirkungsweisen mitbringen muss“, so Silke Becker. „Bei benecos hingegen sollen die Texturen und Produkte hauptsächlich Spaß machen und leicht anwendbar bzw. im besten Fall selbsterklärend und gleichzeitig noch erschwinglich sein. Natürlich kommen hier trotzdem ausschließlich qualitativ hochwertige Inhaltsstoffe zum Einsatz, allerdings sind wir in der Rohstoffvielfalt und damit in den Möglichkeiten, Produkte mit einer speziellen Wirkung zu entwickeln, durch das niedrige Budget eingeschränkt. Daher konzentrieren wir uns besonders bei GRN darauf, die Bedürfnisse verschiedener Haut- und Haartypen mit einem breiten Sortiment an individuell kombinierbaren Produkten möglichst gut zu erfüllen, weshalb hier die Wirksamkeit von Beginn an weit oben auf der Prioritätenliste stand.“

Auch für farfalla spielt die Wirksamkeit bei der Entwicklung eine zentrale Rolle: „Sie wird bereits im Frühstadium festgelegt. Welche Wirkung wird von der Zielgruppe erwartet? Diese muss von den Produkten erfüllt und auf den Punkt gebracht werden. Somit ist im Verlaufe der Entwicklung auch klar, welche Rohstoffe wir einsetzen müssen um die Wirkung zu erreichen. Diese wird dann in Wirktests belegt“, erläutert Michèle Prévôt.

Laut Aussage von Sara Honerkamp steht Wirksamkeit für Neuentwicklungen bei Laverana immer an vorderster Stelle: „Wir bringen keine Produkte auf den Markt, die nicht ihr Versprechen halten!“

Weleda hingegen stellt die Thematik mit weiteren Faktoren auf eine Ebene: „Selbstverständlich müssen auch Naturkosmetikprodukte wirksam sein, um erfolgreich zu sein. Hinzu kommt bei Weleda der kompromisslose Qualitätsstandard entlang der gesamten Lieferkette – vom Anbau der Rohstoffe, über die Rezeptur bis hin zur Verpackung. Wie bereits erwähnt, spielen bei der Neuentwicklung von Produkten aber diverse Faktoren (Leitpflanze, Nachhaltigkeit, Ganzheitlichkeit, Selbstregulierung etc.) eine wichtige Rolle“, so Tassja Dâmaso.

Naturkosmetik Wirknachweis
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Abschließend noch eine Frage, die das Stichwort Individualität mit einbezieht.

Gibt es trotz aller Nachweise überhaupt DAS wirksame Produkt?

„Alle getesteten Produkte bieten die auf Ihnen beschriebene Wirkung. Hier muss man jedoch, wie bereits erklärt, die individuelle Bedürfnisse des eigenen Körpers miteinbeziehen. So kann dasselbe Produkt bei einer Person ein mäßig gutes, bei einer andern aber ein sehr gutes Ergebnis bewirken. Auf diese Weise kann für jeden ein anderes Produkt das für ihn persönlich „wirksamste“ sein. Wichtig für uns ist es, dass eine Wirkung, die wir ausloben, immer nachweisbar ist“, fasst Silke Becker von cosmondial zusammen.

„Schon bei Anti-Age bespielen wir Frauen im Altersspektrum 30-100, darin tummeln sich endlose unterschiedliche Pflegebedürfnisse in Kombination mit Anti-Age“, stimmt Michèle Prévôt von farfalla zu, „Entsprechend gibt es unheimlich viele mögliche Wirkversprechen wie „strafft“,“ reduziert die Faltentiefe“, „erhöht die Spannkraft“, „glättet“, „polstert auf“, „erhöht die Strahlkraft der Haut“, „erhöht die Feuchtigkeit der Haut“, „reduziert Spannungsgefühle“, „festigt“, „vitalisiert“, „revitalisiert“… Keines dieser Versprechern ist „wirksamer“ als das andere sondern wendet sich einfach an unterschiedliche Konsumentenbedürfnisse, die es zu segmentieren gilt.“

Fazit

Zusammenfassend kann man sagen: Natur und Wirksamkeit schließen sich definitiv nicht aus. Konkrete Wirkversprechen müssen belegt sein und dies trifft sich auch mit den Ansprüchen der Hersteller. Welchen Stellenwert sie allerding einnehmen, hängt von Marke und Produkt ab. Und es spielen immer auch individuelle Faktoren eine Rolle und entscheiden letztlich darüber, welches Produkt bei welchem Anwender wie gut wirkt.

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