Gefährliche Bräune aus der Tube

Auch wenn es verlockend scheint, sich an trüben Wintertagen etwas Farbe ins Gesicht zu zaubern, sollte man dringlichst die Finger von Selbstbräunern lassen. Wie die aktuellen Ergebnisse von ÖKOTEST im November 2015 zeigen, enthalten die Produkte nämlich ausnahmslos die Chemikalie Formaldehyd. Was uns daran am meisten schockiert: Selbst zertifizierte Naturkosmetik ist davon betroffen.
Titelbild Magazin: Gefährliche Bräune aus der Tube Bild: pexels

Unmöglich? Nicht ganz – denn obwohl Formaldehyd selbst in konventioneller Kosmetik selten pur zum Einsatz kommt und in Naturkosmetik sogar verboten ist, spaltet es sich unter bestimmten Bedingungen aus anderen Inhaltsstoffen ab. Bei der Bräune aus der Tube ist dies sogar ein altbekanntes Problem…

Mit Zucker zur gesunden Bräune?

Die Basis für Selbstbräuner erscheint im ersten Augenblick harmlos: Zucker. Denn Dihydroxyaceton, kurz DHA, ist nichts weiter als ein Zuckermolekül. In den 1920er-Jahren wurde es als Süßstoff für Diabetiker getestet. Später entdeckte man per Zufall die bräunende Wirkung von DHA: Es reagiert mit den freien Aminogruppen der Eiweiße in der äußeren Hornschicht der Haut. Die Reaktion beginnt sofort nach dem Auftragen und führt innerhalb von Stunden zur Bildung brauner Pigmente, sogenannter Melanoide. Diese „Maillard-Reaktion“ kennen wir übrigens aus der Küche – und zwar wenn ein Hähnchen im Ofen goldbraun brät.

Risikofaktor Formaldehyd

Das Verbraucherschutzkomitee der EU (SCCS) bewertet einen Anteil von bis zu zehn Prozent DHA in Kosmetika als gesundheitlich unbedenklich. Selbstbräuner enthalten in der Regel zwischen drei und fünf Prozent. Allerdings birgt DHA ein ernstes Problem:  Es zerfällt unter Wärmeeinwirkung oder wenn es längere Zeit lagert. Dieser Zeitraum lässt sich jedoch nicht eingrenzen, so dass der Zerfall bereits in der Lieferkette oder im Handel beginnen kann. Das dabei frei werdende Formaldehyd gilt als risikobehaftet. Es ist ab 2016 als Kosmetikzusatz verboten. Dies gilt nach Angaben des Bundesinstituts für Risikobewertung jedoch auch weiterhin nicht, wenn sich Formaldehyd unerwünscht aus bestimmten Inhaltsstoffen entwickelt.

Dazu kommt: Die Tatsache, dass die meisten Selbstbräuner sehr viel Wasser enthalten, macht die Sache noch schlimmer – denn Wasser wirkt als Katalysator für die Entstehung von Formaldehyd.

Sanfte Alternative?

Fast identisch wie DHA wirkt Erythrulose – eine weitere Zuckerform, deren Färbeeffekt langsamer einsetzt, dezenter und gleichzeitig haltbarer ist als DHA. Sie kommt in zahlreichen Pflanzen vor, aus denen sie mithilfe von Bakterienstämmen fermentiert wird. Erythrulose ist wie DHA ein Ketozucker, der chemisch jedoch stabiler ist. Die Formaldehyd-Problematik spielt deshalb bei diesem Stoff keine große Rolle. Da er jedoch leider etwa das Fünffache kostet, wird er bislang eher sparsam eingesetzt. Und auch sonst scheinen die wenigsten Hersteller die Problematik wirklich ernst zu nehmen.

Eine traurige Bilanz

Bereits im Jahr 1993 nahm ÖKOTEST erstmals Selbstbräuner unter die Lupe und wies damals schon Formaldehyd in fast allen getesteten Produkten nach. Mehr als 20 Jahre später verarbeitet die Industrie noch immer dasselbe DHA wie in den 1950er-Jahren. Immer wieder – 2001, 2004 und zuletzt 2008 – wiesen von ÖKOTEST beauftragte Prüfinstitute den Gefahrstoff nach.

Im November 2015 hat das Institut nun erneut 19 Selbstbräuner in die Labore geschickt. Das Ergebnis ist ernüchternd: Sie alle enthielten zumindest Spuren von Formaldehyd, 15 Produkte fielen sogar komplett durch – auch Naturkosmetikprodukte. Zu allem Überfluss informiert keiner der Hersteller ausführlicher über die richtige Lagerung und das Formaldehydrisiko.

Deshalb sagen wir: Natürliche Selbstbräuner ohne DHA sind zwar schwer zu finden, aber die Suche lohnt sich! Ansonsten bevorzugen wir im Wintergrau vornehme Blässe,  belassen unseren Teint ganz natürlich und zaubern uns bei Bedarf mit etwas Rouge oder einer mineralischen Foundation frische Farbakzente ohne Risiko…

Wie findet man Formaldehyd in der INCI-Liste?

Die Chemikalie selbst ist auf den ersten Blick zu identifizieren. Sie heißt nämlich schlicht und ergreifend „Formaldehyde“. Allerdings wird sie heutzutage nur noch selten pur eingesetzt, sondern von anderen Inhaltsstoffen abgespalten, was die Suche erschwert. Folgende Bezeichnungen in der Zutatenliste gelten als Warnsignal: Diazolidinyl Urea, DMDM Hydantoin, Imidazolidinyl Urea, Bronopol, Quaternium-15, Sodium Hydroxymethylglycinate, Methenamine, 2-Bromo-2-nitropropane-1,3-diol, 2,4-Imiazolidinedione und 5-Bromo-5-nitro-1,3-dioxane.

Was ist Formaldehyd eigentlich?

Bei Formaldehyd handelt es sich um ein farbloses, giftiges Gas, das auch Methanal genannt wird. Der gebräuchlichere Name Formaldehyd stammt von „formica“ ab, dem lateinischen Wort für Ameise, da Methanal durch Oxidation zu Ameisensäure reagiert. Entdeckt wurde der stechend riechende Stoff, der sich in Wasser lösen lässt, 1855 von dem russischen Wissenschaftler Alexander Michailowitsch Butlerow.

Was bewirkt Formaldehyd und wo wird es eingesetzt?

Formaldehyd hat ein ganz großes Talent: Es sorgt dafür, dass sich Vernetzungen bilden. Diese Eigenschaft macht es zu einem wichtigen Ausgangsstoff bei der Herstellung von Kunststoffen, Spanplatten und Klebstoff. Während die Lösungsmittel verdampfen, bastelt Formaldehyd aus den flüssigen Bestandteilen immer größere Puzzlestücke zusammen, bis die Masse aus stabilen Ketten besteht und fest wird. Das funktioniert auch mit Keratin, dem wichtigsten Eiweißbaustein unserer Haare und Fingernägel, weshalb die Chemikalie gern in Nagelhärtern, Nagellacken, aber auch in Haarglättungsmitteln eingesetzt wird. Weiteres Plus: Formaldehyd kennt kein Pardon, wenn es um Bakterien geht. Deshalb wurde es lange Zeit als Konservierungsmittel für Cremes, Bodylotions und Badeprodukte verwendet, was heute jedoch nur noch selten der Fall ist. Oft vergessen: Selbstbräuter, selbst in der Naturkosmetik, enthalten häufig DHA. Zerfällt dieser instabile Stoff, bleibt Formaldehyd als Abfallprodukt zurück. Mehr über diese Problematik erfahrt Ihr hier. In unserer Liste Auswahl natürlicher Selbstbräuner findet ihr unbedenkliche Bräune aus der Tube, die ohna DHA auskommt.

Ein gruseliger Beweis dafür, wie heftig der Stoff auf Eiweißstoffe und Keime wirkt, wird an einem weiteren Anwendungsgebiet deutlich: Unter dem Namen Formalin hat 40%-iges Formaldehyd nämlich Karriere bei der Präparierung von Leichenteilen gemacht, die man für medizinische Zwecke oder aus Kriminalermittlungsgründen aufbewahren möchte. Darüber hinaus steckt die Substanz in Desinfektionsmitteln, Sperrholzmöbeln, Kleidung und Teppichen. Außerdem ist sie in dem künstlichen Süßstoff Aspartam zu finden.

Warum ist Formaldehyd problematisch?

Eigentlich logisch: Was stark genug ist, krauses Haar zu glätten und Organe über Jahrzehnte vor der Verwesung zu schützen, hat auch unangenehme Nebenwirkungen. Formaldehyd kann Haut, Atemwege und Augen reizen, ruft häufig Allergien, Gedächtnis- und Schlafstörungen hervor. Außerdem steht seit langem fest, dass diese Substanz die Entstehung von Tumoren begünstigt. Im Jahr 2004 stufte die Weltgesundheitsorganisation WHO Formaldehyd offiziell als „krebserregend für den Menschen“ ein. Das Bundesinstitut für Risikobewertung bestätigte dies im Jahr 2006, hält die Gefahr durch kosmetische Mittel allerdings für gering. Die EU hat daher zunächst einmal nur Grenzwerte für Formaldehyd festgelegt. Cremes, Lotions und Badezusätze dürfen demnach maximal 0,2 Prozent der Chemikalie enthalten. Liegt der Wert über 0,05 Prozent, ist das Produkt mit dem Hinweis „enthält Formaldehyd“ zu kennzeichnen. Bei Nagelhärtern beträgt die Höchstmenge fünf Prozent – keine geringe Menge, die – wie ÖKO-TEST zeigt – teilweise sogar noch überschritten wird. Oder die Verordnung wird schlichtweg umgangen: Um sich aus dem Kreuzfeuer der Kritik zu retten, reagierten einige Hersteller, indem sie den Stoff selbst nicht mehr verwendeten – stattdessen aber Konservierungsmittel, die ihn erst später im Produkt bilden. Insofern handelt es sich um eine Verschleierungstaktik. Da die Käuferinnen und Käufer heute aber viel aufgeklärter sind und die betroffene Pflege kaum noch gekauft haben, werden derzeit nur noch etwa zwölf Prozent der Kosmetika damit haltbar gemacht. In vielen Nagelhärtern, Nagellacken und einigen Haarglättungsprodukten ist Formaldehyd aber nach wie vor ein zentraler Inhaltsstoff.

Unser Fazit

Dass Formaldehyd und seine Abspalter mittlerweile nur noch selten im Cremetopf landen, ist nicht nur aus gesundheitlicher Sicht erfreulich. Nicht nachzuvollziehen ist für uns, dass die Grenzwerte für Formaldehyd in Nagelhärtern und Nagellacken von der EU so hoch angesetzt werden, denn unsere Finger geraten doch ständig mit Lebensmitteln und unserem Mund in Berührung. Die Argumentation, unsere Nägel bestünden ja schließlich nur aus abgestorbenen Hornzellen, ist in unseren Augen nicht schlüssig. In Naturkosmetik ist Formaldehyd selbstverständlich tabu. Um die Haltbarkeit der Produkte zu verlängern, setzen die Hersteller vor allem auf ätherische Öle und clevere Verpackungen. Bio-Nagelöle kräftigen die Nägel durch Pflanzenfett, natürliches Kalizum und Keratin aus Radieschen. Zertifizierte Nagellacke gibt es bisher nur von Logona. Einige Naturkosmetikhersteller bieten aber schadstoffarme Nagellacke an, in denen garantiert kein Formaldehyd verwendet wird.

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