Pest oder Cholera: Fragwürdige Rohstoff-Alternativen in Kosmetik

„Ohne Parabene“ klingt erstmal großartig. Irgendwie clean. Und vertrauenswürdig. Leider verrät diese Aussage des Verzichts nicht im Geringsten etwas über die stattdessen verwendete Alternative. Und was letztlich in „Free from“-Produkten zum Einsatz kommt, ist nicht selten ebenso fragwürdig, wie der ersetzte Rohstoff.
Fragwürdige Rohstoff-Alternativen in Kosmetik

Der Aufdruck “parabenfrei” auf Kosmetikverpackungen suggeriert Käufern einen Vorteil gegenüber Produkten, die das umstrittene Konservierungsmittel enthalten. Auch Interessenverbände wie der BUND warnen vor den Stoffen, weil mittlerweile klar ist, dass sie wie Hormone wirken können. Der Erfolg: Parabene wurden in vielen Rezepturen ausgetauscht. Allerdings mit einem Wermutstropfen, der einen ganzen Eimer füllen könnte: Konventionelle Kosmetikhersteller begannen, ihre Produkte mit dem Konservierungsmittel Methylisothiazolinon vor Keimen zu schützen. Rund eine halbe Million Menschen könnten nun an Allergien erkrankt sein, weil sie aus Angst vor schädlichen Nebenwirkungen zu parabenfreien Produkten gegriffen haben. Das berichtete der Informationsverbund Dermatologischer Kliniken (IVDK) dem SPIEGEL.

Hochsensibel
Fragwürdige Rohstoff-Alternativen in Kosmetik
© Chris Slupski on Unsplash

Methylisothiazolinon ist dafür bekannt, leicht Allergien auszulösen. Gelangt er auf die Haut, ist das Risiko einer Sensibilisierung hoch. Betroffene zeigen dann bei jedem weiteren Kontakt eine allergische Reaktion – meist in Form von juckenden Hautekzemen.

Wie stark der negative Einfluss des Ersatz-Konservierungsstoffes in den vergangenen Jahren war, zeigt die Aufzeichnung des Informationsverbundes Dermatologischer Kliniken (IVDK). Hier erfasst man unter anderem, wie häufig Ärzte eine Allergie gegen Methylisothiazolinon bei Allergietests in deutschen Kliniken nachweisen:  Während die Mediziner 2008 die Erkrankung im Schnitt noch bei 1,6 von 100 Patienten erfassten, stieg der Wert bis 2014 auf 7,1.

Auf die Gesamtbevölkerung hochgerechnet, sei in Deutschland allein von 2010 bis 2014 von 500.000 Neuerkrankungen auszugehen.

Seit 2015 geht die Zahl glücklicherweise wieder zurück. Im April des Jahres wurde in der EU ein Stoffgemisch mit Methylisothiazolinon in Kosmetika verboten, die auf der Haut verbleiben. Seit Februar 2017 darf der Rohstoff kaum mehr verwendet werden, lediglich abwaschbare Mittel wie Shampoos dürfen noch einen Höchstwert von 0,01 Prozent Methylisothiazolinon enthalten.

(unbedenkliche) Alternativen?

Axel Schnuch, langjähriger Leiter und wissenschaftlicher Mitarbeiter des IVDK  gibt zu bedenken: „Bevor man einen Stoff verteufelt, sollte man sich fragen, was eigentlich die Alternative ist.“ Pest oder Cholera?

Bei „Free-From“-Kosmetik ist eindeutig, auf welche Rohstoffe verzichtet wird – aber nur das Kleingedruckte verrät Euch, was tatsächlich in einer Rezeptur steckt: In silikonfreien Shampoos ist zum Beispiel gern Polyquaternium als Ersatzstoff enthalten. Augen auf – und im Zweifelsfall auf Qualitätszeichen für echte Naturkosmetik achten. Wo Verzichtserklärungen tatsächlich Sinn machen, verraten wir Euch hier. Und um welche konventionellen Rohstoffe Ihr besser einen Bogen macht, lest Ihr in unserer umfassenden Serie “Du kommst hier nicht rein”.

Fragwürdige Rohstoff-Alternativen in Kosmetik
© pisauikan on Unsplash

Welche Kosmetikzutaten wünschenswert sind? Am besten natürliche! Die Natur bietet eine Vielzahl pflegender, nährender Öle, effektvolle Extrakte, reichhaltige Wachse und Buttern, feuchtigkeitsspendende Verbindungen… – genau wie Möglichkeiten zur Konservierung und um klassische, konventionelle Inhaltsstoffe wie zum Beispiel Silikone sinnvoll zu ersetzen . In echter Naturkosmetik stammen viele der Alternativen aus Heilpflanzen, die ihre positiven Wirkungen zum Teil schon seit Jahrtausenden unter Beweis stellen und zudem gut untersucht sind.  Warum also ein Risiko eingehen?

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2 Gedanken zu „Pest oder Cholera: Fragwürdige Rohstoff-Alternativen in Kosmetik“

  1. Vielen Dank für diesen Beitrag. Ich beschäftige mich schon lange mit Inhaltsstoffen in Kosmetik, und darüber hinaus wegen der Gesundheit gezwungenermaßen auch in Lebensmitteln. Dass in konventionellen Produkten so viel schädliche Chemie steckt, dass man sich diese nicht mehr antun sollte habe ich schon seit Langem erkannt und kaufe nichts mehr. Aber ich bin sehr wütend, dass sich auch die Naturkosmetikhersteller nicht nach den neuesten Erkenntnissen, richten, manchmal sind diese gar nicht so neu, aber es tut sich hier auch nichts. Hier mal ein Link:
    https://utopia.de/ratgeber/sodium-benzoate-wie-schaedlich-ist-dieser-inhaltsstoff-von-kosmetik/
    Sodium Benzoate ist fast in jedem Naturkosmetikprodukt! Dieser Stoff wird auch nicht ausgetauscht! Weiterhin rühmen sich einige z e r t i f i z i e r t e n Firmen, dass sie u.a. kein Erdöl in ihren Lippenstiften haben. Dafür ist dann Bismuth Oxychloride drin, hier ein Link von codecheck:
    https://www.codecheck.info/inhaltsstoff/CI-77163
    Ich habe mich bei einigen Firmen beschwert, dass sie die Stoffe gegen bessere austauschen sollen und nur verdummende Antworten erhalten.
    Sogar Selberrühren ist schwierig, enthält doch z.B. das Aloe Vera Gel von Spinnrad auch Sodium Benzoate. Die denken gar nicht daran, die Rezeptur zu ändern. Ich bin gerade bei dem Sodium Benzoate im Aloe Gel darauf gekommen, weil mein Mann und ich das Produkt nicht mehr vertrugen und ich deshalb die Konservierungsmittel recherchiert hatte. Auch Talc und Titanium Dioxid sind sehr umstritten……Es gibt nur ganz wenige Firmen, die es nicht mehr einsetzen, da muss man suchen und suchen und gute Nerven, Zeit und Geduld haben. Das ist aber nicht der Sinn, wenn ich mir was Gutes tun möchte durch den Kauf von Kosmetika!

    1. Hallo LaJana,

      danke für deinen Kommentar und das Kompliment zu unserem Fakten-Beitrag. Über Inhaltsstoffe in Kosmetika und Lebensmitteln kann man wirklich ganze Bücher schreiben, so auch über Risiken. In Naturkosmetik sind zum Beispiel die Möglichkeiten der Konservierung begrenzt und je nach Standard nur wenige erlaubt. Warum gerade Sodium Benzoate so häufig eingesetzt wird, werden wir versuchen zu eruieren. Auch zu Bismuth werden wir genauer recherchieren – selbst natürliche Mineralien können Problematiken beinhalten. Bei Talkum kommt es ganz auf die eigene Haut an: Das natürliche Mineral wird aus Speckstein gewonnen und enthält eine leichte Fettkomponente, durch die es sich angenehm leicht verstreichen lässt. Außerdem lässt es sich dadurch gut pressen, so dass Talkum eine beliebte Zutat in Kompaktpuder, festen Lidschatten und Rouges ist. Lediglich wer zu Akne und unreiner Haut neigt, sollte auf Talkum lieber verzichten, da es die Poren verstopfen und den Hautzustand verschlimmern kann. Bei Titanium Dioxid kommt es ganz auf die verwendete Größe der Partikel an: Schon der Mikro-Bereich ist ausreichend, um es anwendungsfreundlich einzusetzen. Partikel im Nanobereich hingegen bringen Risiken mit sich, weil sie unter Umständen in die Haut eindringen können… Eine schier unendliche Geschichte.

      Liebe Grüße,
      Dein naturalbeauty.de-Team

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