Schnecken und Kosmetik?

Geschmeidige, auf der Haut zergehende Texturen, nährstoffreich, regenerativ und straffend. Diese Beschreibung klingt einladend. Dass die Rezeptur aber Schneckenschleim als Hauptwirkstoff einsetzt, stellt eine gewisse Distanz her. Zu Recht?
Schnecken und Kosmetik? Bild: pixabay

Auf der Vivaness 2017 wurden erstmalig als Naturkosmetik zertifizierte Produkte mit Schneckenschleim vorgestellt. Bei verschiedenen Herstellern steht die Helix Aspersa Müller im Fokus neuartiger Kosmetiklinien. Dabei handelt es sich um eine besondere Schneckengattung, deren Sekret die Heilung von Gewebe fördern, vor Verletzungen bewahren und auf natürliche Weise regenerieren soll.

Auf (Schleim-)Spurensuche

So innovativ dieser Rohstoff auf den ersten Blick auch erscheint – neu ist er nicht. Vor einiger Zeit gab es in Asien einen regelrechten Hype rund um die Snail Creams. Doch der moderne Trend hat eine Geschichte, die noch viel weiter zurück reicht: Schneckenschleim wurde im Alten Griechenland schon zur Zeit des Hippokrates als entzündungshemmendes Mittel verwendet. In den letzten 30 Jahren entdeckten Landwirte in Chile, die Schnecken zum Verzehr züchteten, dass der Schleim haut-regenerative Eigenschaften hat. Das wiederum veranlasste zahlreiche Dermatologen, Studien und Publikationen insbesondere an Menschen mit Verbrennungen und Narben durchzuführen. Die Helix Aspersa Müller ist bislang die einzige Art, zu der Studien in der Kosmetik und Dermatologie existieren. Ihr Schleim ist reich an Allantoin, Glykolsäure, Hyaluronsäure, Proteoglykane und Aminosäuren. Es gibt auch andere Schneckenarten, wie die Helix Aspersa Maxima oder die Helix Pomatia, die für Kosmetik genutzt werden – jedoch sind die Eigenschaften ihrer Sekrete nicht bekannt, da es derzeit diesbezüglich keine Studien gibt.

Schleim ist nicht gleich Schleim

Selbst innerhalb der Art weist der Schneckenschleim Unterschiede auf, verrät Sophie Kunack, die deutsche Vertretung des Unternehmens Natural Skin Beauty S.L. (Skinature) mit der Marke Helixium: „Seine Zusammensetzung kann je nach Art der Nahrung (bio), Methode der Gewinnung (stressfrei) und Art der Konservierung (Beibehaltung aller Inhaltsstoffe) stark variieren.“ Und das kann man sogar messen, wie Sophie Kunack erklärt: „Wir haben eine HPLC (Hochleistungsflüssigkeitschromatographie) durchgeführt, die es uns ermöglichte, die exakte Zusammensetzung des Schleims festzustellen sowie unseren Qualitätsstandard festzulegen.“

Tierleidfreie Gewinnung?

Das für Helixium eingesetzte Sekret stammt von einer Schneckenfarm in Burgund aus naturnaher Haltung, unter Berücksichtigung der Jahreszeiten. Auf chemische Hilfsprodukte wird nach Herstelleraussage verzichtet: „Unsere Schnecken werden einzeln per Hand abgesammelt und mit Hilfe von Mikrostäbchen entschleimt. Der Schleim wird gefiltert und tiefgefroren, um seine Eigenschaften sowie die fett- und wasserlöslichen Anteile beizubehalten“, so Sophie Kunack.

Leider ist diese Vorgehensweise sehr aufwändig und kein Standard bei der Gewinnung von Snail Extract. Gängige Methoden stressen die sensiblen Tiere und fügen ihnen sogar Leid zu. „Saurer Regen, saurer Schlamm oder Salz“, sind laut Sophie Kunack keine Seltenheit. „Diese verbrennen das Tier, sodass es mehr Schleim absondert. Durch die Ausschüttung von Immunabwehrstoffen ist das Ergebnis ein viel kalkhaltigerer Schleim mit Histamin-ähnlichen Proteinen und weniger Allantoin und Glykolsäure.“ Bei diesen fraglichen Praktiken leidet also auch die Produktqualität. Beim Thema Konservierung ist es ähnlich: Bei der Gefriertrocknung wird der Verlust des wässrigen Anteils des Inhaltsstoffes in Kauf genommen und anschließend wiederhergestellt. Das ist zwar billiger, aber unvollständig. Alternativ werden bei konventionellen Varianten Konservierungsstoffe wie Formalin oder Parabene eingesetzt, die bedenklich für die Haut und die Umwelt sind.

Auf die Details achten

Wer den Trend der Snail Creams für sich ausprobieren möchte, ist mit echter Naturkosmetik gut beraten. Die Produkte von Helixium sind beispielsweise von Ecocert COSMOS organic zertifiziert. Eine Nachfrage zu den Gewinnungsmethoden bei den Herstellern ist ebenfalls ratsam und gibt Auskunft zu den Details. Letzten Endes muss jeder für sich entscheiden, ob er Kosmetik mit von Tieren produzierten Rohstoffen (wie auch Milch oder Honig) verwenden möchte, oder lieber auf vegane Varianten setzt. Mit Blick auf sein Wirkstoffspektrum und existierende Studien ist Schneckenschleim durchaus einen Test wert. Und so viel sei versichert: Die leichten, schnell einziehenden Texturen der modernen Cremes erwecken in keinster Weise den Anschein, irgendwie „schleimig“ zu sein.

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