Kracher des Monats: Nanoteilchen

Ich sehe was, was Du nicht siehst: Das gilt ab sofort auch für Kosmetik mit Nanopartikeln, denn was wir mit bloßem Auge nicht erkennen können, steht jetzt für jeden sichtbar auf der Verpackung. Seit dem 11. Juli müssen die umstrittenen Winzlinge in ganz Europa auf Beauty-Produkten deklariert werden. Aber reicht das wirklich aus?
Kracher des Monats - Nanoteilchen Bild: pixabay

Es geht um kleine Teilchen, aber auch um einen großen Schritt. Was ein bisschen an die erste Mondlandung erinnert, wird in Zukunft nämlich einiges in Bewegung setzen. Kosmetika sind die ersten Produkte der Welt, für die eine Kennzeichnungspflicht für Nanomaterialien gilt. Das hat die EU mit Inkrafttreten der Kosmetikverordnung am 11. Juli 2013 so beschlossen – und lässt uns damit weitgehend unbekannten Boden betreten. Nano-Rohstoffe sind zwar bereits in vielen Produkten enthalten, aber über die damit möglicherweise verbundenen Risiken weiß man noch wenig. Was verbirgt sich eigentlich genau dahinter? Da die EU mit der Deklarationspflicht jedem von uns nun ermöglicht, selbst zu entscheiden, ob wir Nano-Kosmetik benutzen möchten oder nicht, lohnt es sich, besser darüber Bescheid zu wissen.

Schöne neue Welt? Was Nanos alles können

Das Wort Nano kommt aus dem Griechischen und bedeutet Zwerg. Als Nanoteilchen gelten feste, unlösliche Partikel, deren Durchmesser kleiner als 100 Nanometer sind. Das ist etwa so klein wie ein Fußball im Vergleich zur Erde. Rohstoffe in so einer Minigröße bringen zunächst einmal eine Menge Vorteile mit sich, weil sie wie die Heinzelmännchen Textilien wasserabweisend, Autolacke kratzfest, Lebensmittel wie Ketchup cremiger und Sportsachen geruchsneutral machen können. Auch in Kosmetik werden die Winzlinge eingesetzt, um Anwendungsfreundlichkeit und Wirksamkeit zu erhöhen. Am bekanntesten ist die Verwendung in Sonnenschutzmitteln, wo sie dafür sorgen, dass mineralische Pigmente sich leichter verteilen lassen und nicht so stark weißeln. In Wimpertusche liefern sie intensive Farbe, ohne die feinen Härchen zu beschweren, kitten als Zahnpasta-Inhaltsstoff feine Risse und verhindern, dass Deos Spuren auf der Kleidung hinterlassen. Auch in konventionellen Anti-Aging-Cremes sind Nanoteilchen an der Tagesordnung. Aluminiumpartikel im Nanoformat reflektieren das Licht, so dass Falten weniger auffallen, und Mini-Kohlenstoff-Kügelchen, sogenannte Fullerene, kommen gegen altmachende freie Radikale zum Einsatz. Klingt ja soweit alles ganz gut. Was spricht eigentlich gegen die Teilchen?

Leider alles andere als ein Zwergenaufstand

Genau das, was Nanopartikel für die Hersteller so attraktiv macht, kann leider auch schnell zum Bumerang werden: die Winzigkeit. Sie ermöglicht Nanomaterialien nämlich in Bereiche unseres Körpers vorzudringen, in die sie normalerweise nie hingelangt wären. Was sie dort möglicherweise anrichten, ist nicht ganz klar. Das Bundesamt für Risikoforschung (BfR) geht zwar davon aus, dass Sonnencreme mit Titandioxid und Zinkdioxid in Nanogröße normalerweise keine gesundheitlichen Probleme verursachen dürften – allerdings nur, wenn die Haut gesund ist. Bei Verletzungen, einem Sonnenbrand oder nach der Rasur sieht die Sache schon ganz anders aus. Eine Studie der Uni Rochester ergab, dass die Kleinstpartikel in diesen Fällen durchaus die Haut passieren und Entzündungen auslösen können. Forscher der Universität Lausanne entdeckten zudem 2011, dass eingeatmete Nanopartikel – ähnlich wie Asbest – langfristig die Lunge schädigen können. Die US-Umweltbehörde EPA geht sogar davon aus, dass die Teilchen die Blut-Hirn-Schranke überwinden und Gehirnzellen angreifen können. Untersuchungen, die das beweisen können, laufen derzeit auf Hochtouren. Das Umweltbundesamt rät deshalb, die Verwendung von Produkten, die Nanomaterialien enthalten oder freisetzen können, möglichst zu vermeiden.

Selbst ist die Frau! Was Ihr jetzt schon tun könnt

Wer nicht warten möchte, bis definitiv alle Gefahren abgeklärt sind, hat durch die neue Deklarationspflicht ab sofort die Chance, sich aktiv zu schützen. Ob Nanoteilchen in Eurer Kosmetik stecken, erkennt Ihr in der Zutatenliste an dem Zusatz „(nano)“ hinter dem Namen des betreffenden Stoffes. Naturkosmetik-Zertifizierer wie der BDIH, Ecocert und Soil Association arbeiten derzeit übrigens unter dem gemeinsamen Dach des COSMOS Standard an einer Regelung, die den Einsatz von Nanomarialien in den so gesiegelten Produkten verbieten soll. Aber schon jetzt könnt Ihr davon ausgehen, dass Naturkosmetik wie Bio-Sonnenmilch die umstrittenen Teilchen nicht enthält. Wer sich näher informieren will, welche Produkte Nanomaterialen enthalten, kann das auch in einem Register des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) tun. Diese Datenbank, die Ihr hier anklicken können, ist zwar längst nicht umfassend, enthält aber bereits rund 1.000 Produkte. Das ist doch ein toller Anfang!

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