Heimat im Tiegel: Regionale Wirkstoffe

Avocado, Kokosnuss und Co. locken mit purer Exotik. Aber warum in die Ferne schweifen? Regionale Beauty-Wirkstoffe wie norddeutsche Äpfel, Alpenkräuter und Distelöl sparen lange Transportwege. Aber wie sieht es in Sachen Effektivität aus?
Titelbild Magazin: Heimat im Tiegel: Regionale Wirkstoffe Bild: SPEICK Naturkosmetik

Klar, wir alle wollen Pflege, die nicht nur wirkt, sondern auch Spaß macht. Deshalb hatten Wirkstoffe, die den Hauch der großen, weiten Welt versprühen und uns zum Träumen bringen, in den letzten Jahren Hochkonjunktur. Granatapfel klingt nun mal flotter als Gurke. Aber der Import mit Flugzeugen, Lastern und Frachtern produziert bekanntlich große Mengen klimaschädliches Kohlendioxid. Weißer Tee reist zum Beispiel oft wochenlang in Containerschiffen durch die Welt. Schnell Verderbliches, wie etwa Shiitakepilze, wird manchmal sogar auf dem Luftweg transportiert. Das aktuelle Umweltschutz-Motto lautet deswegen: Heimvorteil.

Warum soll man Äpfel aus Neuseeland importieren, wenn es in Deutschland genauso gute, meist noch frischere gibt? Gerade in der Bio-Branche hat die Verwendung heimischer Zutaten eine lange Tradition. Schließlich betreiben Pioniere wie Dr.Hauschka und Weleda ihre eigenen Heilpflanzengärten, wo die Kräuter quasi vom Feld direkt in die Tube kommen, schon seit knapp 100 Jahren. Immer mehr Naturkosmetikhersteller besinnen sich wieder auf ihre Wurzeln und setzen verstärkt auf regionale Zutaten – mit großem Erfolg. Liegt das tatsächlich nur an unserem gestiegenen Umweltbewusstsein? Oder was steckt hinter unserer neuen Heimatliebe?

Reine Vertrauenssache: Regional ist erste Wahl

Je unruhiger die Zeiten, desto mehr sehnen wir uns nach einem sicheren Rückzugsort, sagen Psychologen. Und das ist für 69 Prozent der Deutschen die Heimat, ergab eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Emnid. Produkte, die in unserem Umfeld hergestellt werden, schaffen Vertrauen. Das haben uns die Lebensmittelskandale, durch die viele vom Discounter zum Metzger um die Ecke oder zum nahe gelegenen Hofladen gewechselt sind, in den letzten Jahren immer wieder bewusst gemacht. Die regionale Herkunft, so ergab eine Umfrage des Verbraucherministeriums, ist für 67 Prozent der Deutschen eines der entscheidenden Kriterien beim Einkauf. Kein Wunder, dass dieser Trend von der Ernährung auch zunehmend auf die Kosmetik überschwappt.

Zuhause ist es am schönsten

Ob am Ostseestrand, auf saftigen Almwiesen oder in den Apfelplantagen im Alten Land bei Hamburg: Fast überall lassen sich tolle Beautyzutaten gewinnen. Möhren, Himbeeren und Moosbeeren enthalten z. B. eine geballte Ladung an Antioxidantien, die super vor zellschädigenden freien Radikalen schützen. Birkensaft kräftigt die Wimpern und das Bindegewebe. Auch viele Heilpflanzen sind in deutschsprachigen Ländern heimisch, etwa Salbei, Kamille, Augentrost, Wiesenschaumkraut und Ringelblumen.

Naturkosmetik mit regionalen Beautyhelden

Der Naturkosmetikhersteller SPEICK schwört schon seit seiner Gründung auf die namensgebende Speick-Pflanze, die in den luftigen Höhen der Kärntner Ostalpen wächst und auf unserem Titelbild zu sehen ist. Nur wenige, ausgewählte Bauern haben die Erlaubnis, das duftende, harmonisierende Kraut in Handarbeit zu ernten.

Oceanwell betreibt eine eigene Algenfarm an der Küste vor seiner Heimatstadt Kiel und die Schweizer Naturkosmetik-Marke Farfalla verwendet in seinen Produkten für sensible Haut ebenfalls zwei Pflanzen, die in der Region geerntet werden: Das Öl der Riesendistel ist reich an Linolsäure, die wie Mörtel in einer Mauer die Lücken zwischen aufgesprungenen Hornschüppchen schließt. Schmetterlingsflieder duftet nicht nur herrlich und bietet Bienen viel Nektar, sondern enthält auch feuchtigkeitsspendende Schleimstoffe, die die Haut beruhigen.

Auf Kräuter aus dem selbst angelegten Heilpflanzengarten setzen auch Virpi und Jim Raipala-Cormier, die seit 1982 einen Bio-Hof in Finnland betreiben und unter dem Namen Frantsila ihre eigene Naturkosmetik herstellen.

Lenz Naturpflege hat sich die Heimatverbundenheit sogar zum erklärten Verkaufskonzept gemacht: Fast alle Wirkstoffe der Handelsmarke stammen aus Deutschland.

Der Mix macht’s: Das Beste aus zwei Welten

Wie Ihr seht, können regionale Zutaten locker mit den Exoten aus aller Welt mithalten. Aber es gibt auch Ausnahmen:

Raps ist zum Beispiel die am meisten angebaute Ölpflanze Deutschlands. Aber Rapsöl eignet sich nicht besonders gut für den kosmetischen Einsatz, da es sehr dickflüssig ist und kaum einzieht. Stattdessen verwenden viele Hersteller lieber Jojobaöl, ein flüssiges Pflanzenwachs, das dafür sorgt, dass sich Pflege weniger fettig anfühlt. Gurken-Extrakt spendet zwar Feuchtigkeit, enthält aber weniger wertvolle Inhaltsstoffe als etwa Aloe-veraExtrakt, der zusätzlich eine Wohltat für gereizte Haut ist. Manchmal ist eine Kombination von Rohstoffen durchaus sinnvoll.

Wer Naturkosmetik will, die sich optimal anwenden lässt und obendrein hoch wirksam ist, sollte meist auf bewährte Exotik-Inhaltstoffe nicht ganz verzichten, auch wenn sie importiert werden müssen. Macht aber nichts, denn gerade in der Bio-Beauty-Branche stammen ausländische Zutaten oft aus fairem Handel. Da gleicht das Soziale den möglichen Nachteil in Sachen Klimaschutz wieder aus. Das ist so ähnlich wie mit unserem Heimatgefühl. Ab und zu reisen ist schön – aber das nach Hause kommen hinterher erst recht. Beides gehört zusammen.

Die Schönheit vom Lande:
Produkte mit regionalen Zutaten

Zum Weiterlesen empfehlen wir:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.