Nanoteilchen in Naturkosmetik?

Sie sind winzig klein und hochumstritten: Nanopartikel. Auch in Kosmetik finden sie vermehrt Einsatz und müssen seit 2013 in der INCI deklariert werden. Aber stecken sie auch in Naturkosmetik?
Titelbild Fakten Naturkosmetik: Nanoteilchen Bild: pixabay

Fakt ist: Umgehen lassen sich die Winzlinge im Alltag nicht. Nanoteilchen sind zwar mit bloßem Auge nicht sichtbar, umgeben uns aber in Form von Beschichtungen, Verbrennungsbestandteilen, als Krankheitserreger und Allergene. Laut Definition werden damit Partikel bezeichnet, die weniger als 100 Nanometer messen. Und das ist wirklich klein: Ein Nanometer ist der millionste Teil eines Millimeters. Und was können die Zwerge? Durch die stark verkleinerte Größe kommt es bei Stoffen in Nanoform zu grundlegenden Änderungen ihrer physikalisch-chemischen Eigenschaften: Sie reagieren viel schneller mit anderen Stoffen und sind zum Beispiel plötzlich wasserlöslich. Aufgrund ihrer geringen Größe können sie sogar Membranen in unserem Körper passieren. Schade nur, dass die gleichen Eigenschaften, die Nanopartikel so interessant für Forschung und Entwicklung machen, auch Gefahren bergen.

Nano und Kosmetik: umstrittenes Risikopotential

Nanomaterialien in Kosmetik müssen seit 2013 in der INCI-Liste gekennzeichnet werden. Denn ihre unmittelbare Anwendung auf der Haut ist umstritten: Gesunde Haut scheint eine Barriere zu sein – durch geschädigte Haut könnten die Teilchen jedoch in den Blutkreislauf gelangen, eingeatmet können sie die Lunge erreichen. Was die nanokleinen Partikel dort bewirken können, ist kaum erforscht. Entzündungen, Organschäden und karzinogenes Potential sind bislang eher Vermutungen als erwiesene Risiken. Auch das Umweltverhalten der winzigen Teilchen (zum Beispiel ihre Wirkung auf Wasserlebewesen) ist bislang noch nicht final abschätzbar.

Die Zahl der Negativ-Schlagzeilen steigt: Laut BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland) kamen verschiedene wissenschaftliche Studien zu dem Ergebnis, dass Nano-Titandioxid und Nano-Zinkoxid photoaktiv sind und freie Radikale produzieren. Sie können DNA-Schäden in menschlichen Zellen verursachen, insbesondere, wenn die Haut UV-Licht ausgesetzt ist. Diese Ergebnisse und allein die Möglichkeit, dass Nanoteilchen Schäden verursachen, stimmen Verbraucher zunehmend vorsichtig.

Vielfalt und Wirkung: Das können die Zwerge

Wozu ist Nano in Kosmetik eigentlich gut? In speziellen Zahncremes werden sie zum Füllen von Rissen und porösen Stellen eingesetzt. Nano-Silberpartikel mit antibakterieller Wirkung kommen in Seifen und Deodorants zum Einsatz. Dekorative Kosmetik und Nagellack können den Farbstoff Carbon Black in Nanoform enthalten. Zu den bedeutendsten Anwendungen zählt jedoch der mineralische Lichtschutz: Nano-Titandioxid und Nano-Zinkoxid können besonders gleichmäßig und ohne Weißeln auf der Haut verteilt werden. Klingt nach vielseitigen Inhaltsstoffen.

Bio und Nano – Zwei, die sich ausschließen?

Dürfen die talentierten Kleinen eigentlich auch in Naturkosmetik eingesetzt werden? Ja, dürfen sie. Zumindest in Sachen Sonnenschutz. Das sagen die großen Verbände:

NATRUE

NATRUE lässt die Nanoformen von Rohstoffen dann zu, wenn aus Sicht des SCCS (Scientific Committee on Consumer Safety, wissenschaftlicher Ausschuss für Verbrauchersicherheit der EU Kommision) keine Bedenken bestehen. Auf Nachfrage von naturalbeauty.de erhielten wir von Dr. Mark Smith, Director General NATRUE, folgendes Statement:

„NATRUE schließt die Verwendung von SCCS-bewerteten Nanoformen von Inhaltsstoffen, die den NATRUE-Kriterien entsprechen (z.B. Titanoxid, Zinkoxid), nicht aus. Derzeit gibt es seitens der EU-Institutionen keine Hinweise auf Sicherheitsbedenken für Nanoformen von Titandioxid oder Zinkoxid, die einen Ausschluss begründen. Die Entscheidung, die Nanoformen solcher Inhaltsstoffe zu verwenden, liegt ausschließlich bei dem jeweiligen Einzelunternehmen. Diese Entscheidung beeinflusst weder die Strenge noch die Stärken der NATRUE-Kriterien als Definition für Natur- und Biokosmetik.“

Weiterhin unterstreicht Dr. Smith:

„NATRUE kann und tut im Rahmen seines privaten Standards kein offizielles Regulierungsverfahren festlegen, das dem EU-Recht direkt widersprechen würde. NATURE hat daher keine subjektiven Regeln für Nanomaterialien erstellt, die entgegen der Arbeit der Regulierungsbehörde stehen würden.“

Die Entscheidung liegt also beim Hersteller – lediglich eine Kennzeichnung ist verpflichtend.

COSMOS (z.B. BDIH, Ecocert…)

Im COSMOS-Standard heißt es:

„Nanomaterialien sind verboten. Es wird anerkannt, dass es eventuell Ausnahmen geben muss, und Anträge für Ausnahmen, die von technischen Dossiers gestützt werden, werden berücksichtigt.“

Auch hier haben wir nachgefragt. Harald Dittmar, Geschäftsführer des BDIH, gab uns folgende Erläuterung dazu:

„Bei COSMOS ist man davon ausgegangen, dass der Verbraucher grundsätzlich kein „nano“ in Naturkosmetik möchte, daher die dortige Regelung. Bislang wurden keine Nanomaterialien als solche zugelassen. Es gibt allerdings ein COSMOS-statement zu zugelassenen mineralischen UV-Filtern, die auch in einem gewissen Umfang Anteile an nanoskaligen Partikeln enthalten. Hier hat COSMOS diese UV Filter zugelassen, da sie von der EU als sicher bewertet wurden und UV-Filter dem Schutz des Anwenders dienen.“

Eine Zulassung von Titandioxid und Zinkoxid in Nanoform wäre unter bestimmten Voraussetzungen bei COSMOS also ebenfalls möglich. Aber wie war das eigentlich beim ursprünglichen BDIH-Standard? Dazu sagt Harald Dittmar:

„Der BDIH-Standard wurde in den 90er Jahren entwickelt und zu diesem Zeitpunkt bestand für „nano“ noch kein Handlungsbedarf, so dass es dazu auch keine Regelung gibt. Die Thematik bekam ihre Relevanz erst, als bereits klar war, dass sich der BDIH mit den anderen COSMOS-Gründungsmitgliedern auf einheitliche Kriterien (COSMOS-standard) verständigen würden. Es wurde sodann beschlossen, dass alle Cosmos-Mitglieder ihre Individuellen Standards nicht mehr überarbeiten, sondern „Neuerungen“ im COSMOS-standard verankert werden. Somit wurde das grundsätzliche Verbot von „Nano“ im COSMOS-standard geregelt.“

Fazit

Die Nanodimension an sich schließt nicht aus, dass solche Stoffe den Kriterien für Natürlichkeit entsprechen. Die Verbände erlauben die winzigen Teilchen bislang als Ausnahme in Sachen UV-Schutz, wenn sie eine entsprechende Bewertung vom SCCS erhalten haben.

Das SCCS selbst hat mineralische UV-Filter in Nanoform bislang als sicher bewertet – macht aber darauf aufmerksam, dass die allgemeine Datenlage zu Nanomaterialien lückenhaft und unvollständig ist. Auch der BUND warnt weiterhin vor den zahlreichen Risiken.

Es ist bisher noch nicht im Detail bekannt, wie sich Substanzen im Nanobereich auf den menschlichen Organismus oder die Umwelt auswirken. Die gesunde Haut stellt nach aktuellem Stand der Wissenschaft eine zuverlässige Barriere dar. Allerdings sollte man Produkte mit Nanopartikeln nicht auf beschädigte Haut, Wunden oder nach dem Rasieren gereizte Haut auftragen. Insbesondere Sprays beinhalten durch die Gefahr des Einatmens ein zusätzliches Risiko.

Skepsis ist demnach durchaus angebracht. Letztlich muss jeder selbst entscheiden, ob die kleinen Teilchen etwas in seiner (Natur-)Kosmetik verloren haben. Ein prüfender Blick in die INCI gibt wie immer Auskunft über alles, was drin steckt – und sei es noch so klein…

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