Glyzerin: eine Gratwanderung

Glyzerin: eine Gratwanderung Bild: pixabay

Es spendet Feuchtigkeit, sagen die einen. Es trocknet aus, meinen die anderen. Und sogar als Regenwaldkiller ist Glyzerin verpönt. Was ist dran an der Kritik, die einen Inhaltsstoff betrifft, der für die konventionelle Kosmetik eine ebenso große Rolle spielt wie für Bio-Beauty? Ein schmaler Grat, bei dem viele Faktoren zusammen wirken. Kaum jemand weiß, was genau sich hinter diesem Inhaltsstoff verbirgt. Über seine Wirkung und Herkunft gibt es die unterschiedlichsten Meinungen. Fest steht dabei eigentlich nur eins: Dass Glyzerin die Geister scheidet.

Hilfe von außen: Feuchtigkeitspflege für die Haut

Was nass geworden ist, trocknet wieder, denn Wasser verdunstet. Das ist zwar praktisch, wenn es um feuchte Handtücher oder Spritzer an der Duschkabinenwand geht, für die Haut kann diese Eigenschaft jedoch zum Bumerang werden. Um möglichst lange jung und gesund zu bleiben, braucht sie nämlich mindestens 20 Prozent Feuchtigkeit. Deshalb schützt die Haut sich mit einem raffinierten Trick: Sie bildet Substanzen, die wie Mini-Magnete dafür sorgen, dass Feuchtigkeit festgehalten wird. Dazu gehört neben Harnstoff auch der Zuckeralkohol Glyzerin. Was liegt also näher, als diesen Stoff bei trockener, rauer Haut durch Kosmetik von außen zuzuführen?

Der Mix macht’s: Glyzerin als Teamplayer

Die Idee, Glyzerin in Pflegeprodukte einzubauen, klingt gut – hat aber einen Haken: Sie funktioniert leider nur bei hoher Luftfeuchtigkeit. Wenn die Heizung auf Hochtouren läuft oder uns kalter Wind um die Ohren pfeift, holt sich das Glyzerin die fehlende Flüssigkeit nämlich aus dem Bindegewebe, so dass die Haut von innen her lebenswichtiges Wasser verliert. Der Feuchtigkeit spendende Effekt schlägt dann ins Gegenteil um. Ob ein glyzerinhaltiges Pflegeprodukt hydratisiert oder austrocknet, hängt deshalb entscheidend von einer geschickten Rezeptur ab. Der Anteil des Zuckeralkohols sollte nicht höher liegen als maximal 10 Prozent. Außerdem muss die Creme ausreichend Wasser mitliefern, damit das Glyzerin weder auf Feuchtigkeit aus der Luft noch aus den tieferen Hautschichten angewiesen ist. Wichtig ist auch, dass genug pflanzliche Öle in dem Produkt stecken, denn Glyzerin ist eher als Hilfsstoff zu werten und reicht zur alleinigen Pflege nicht aus. Werfen Sie am besten einen Blick auf die Zutatenliste: INCINamen, in denen der Wortbestandteil „Glycerin“ auftaucht, sollten möglichst nicht im oberen Viertel auftauchen, außer es handelt sich um ein Gesichtswasser.

Ein Stoff, viele Quellen: Herkunft und Gewinnung

Olivenöl wird aus Oliven gewonnen, Calendula-Extrakt aus Ringelblumen. Aber woher stammt eigentlich Glyzerin? In der Natur kommt Glyzerin zwar nicht isoliert vor, aber es ist Bestandteil vieler pflanzlicher und tierischer Fette. Wenn man diese spaltet, wie es zum Beispiel bei der Herstellung von Seifen automatisch passiert, fällt Glyzerin als Nebenprodukt an. Da konventionelle Seifenstücke meist aus Rindertalg hergestellt werden, war die Herkunft des Feuchtigkeitsspenders lange Zeit überwiegend tierisch. Auch die synthetische Gewinnung aus Erdöl war eine Weile sehr beliebt. In den letzten Jahren hat sich dagegen pflanzliches Glyzerin durchgesetzt. Allerdings nicht etwa, weil Wirkstoffe aus der Natur so in Mode gekommen sind – sondern vor allem durch die Produktion von Bio-Diesel, denn auch dabei bleiben große Mengen an Glyzerin übrig, die in unseren Cremetöpfen landen. Ein Teil des pflanzlichen Glyzerins stammt auch aus Palmöl. Das ist zwar gut für die Haut, aber schlecht fürs Klima, denn um Plantagen mit Ölpalmen anzulegen, werden häufig große Regenwaldflächen abgeholzt.

Bio-Beauty: Glyzerin mit Gewissen

Naturkosmetikhersteller verwenden meist Glyzerin, das von Pflanzen aus kontrolliert-biologischem Anbau stammt. Zutaten aus Erdöl sind in zertifizierter Bio-Beauty genauso tabu wie solche von toten Tieren. Auch vor Öko-Sprit-Abfällen sind Sie weitgehend sicher, denn das Getreide, aus dem man Bio-Diesel herstellt, wird konventionell angebaut. Völlig ausgeschlossen ist diese Herkunft des Glyzerins aber nicht, da ein zertifiziertes Naturkosmetikprodukt nicht automatisch zu 100 Prozent bio sein muss. Da Bio-Beauty-Firmen ihre Aufgabe sehr ernst nehmen, verzichten aber fast alle freiwillig darauf. Falls das Glyzerin aus Palmöl gewonnen wird, beziehen Naturkosmetik-Anbieter es vorrangig aus Südamerika, wo es Öko-Anpflanzungen gibt, für die kein Regenwald abgeholzt wurde. Genau hinzuschauen lohnt sich – aber man kann den Wirkstoff Glyzerin durchaus mit gutem Gewissen verwenden.

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2 Gedanken zu „Glyzerin: eine Gratwanderung“

    1. Hallo, ja es gibt eine ganze Banbreite an Produkten aus der Naturkosmetik, die kein Glyzerin enthalten. Von Haarpflege über Körperpflege sind hier die Produkte ganz unterschiedlich. Einige werden zum Beispiel hier vorgestellt: http://bit.ly/2mk1aXz

      Liebe Grüße

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