Endokrine Disruptoren

Sie sind nahezu überall: hormonelle Schadstoffe. Wie genau sie wirken, ist weitestgehend unerforscht. Und neben chemischen Vertretern gibt es sogar eine Vielzahl an Naturstoffen unter ihnen.
Titelbild Fakten: Endokrine Disruptoren Bild: pixabay
Unerforschte Störfaktoren

Endokrine Disruptoren (EDC) sind Stoffe, die die natürliche Wirkweise von Hormonen stören und dadurch schädliche Effekte hervorrufen können: Sie können Wachstum und Entwicklung beeinträchtigen, unsere Fortpflanzung negativ beeinflussen oder für eine erhöhte Anfälligkeit für Erkrankungen sorgen. Wie das geht? Dazu existieren größtenteils nur Hypothesen oder Studien, die diese zwar unterstreichen, aber letztlich keine Beweise liefern.

Werfen wir zunächst einen Blick auf das Hormonsystem von Wirbeltieren: Es besteht hauptsächlich aus endokrinen Drüsen (z.B. Schilddrüse), den Hormonen, die sie produzieren (z.B. Östrogen, Testosteron, Adrenalin), sowie den Zellen, in denen die Hormone wirken. Hormone sind Signalmoleküle, die meistens über das Blut transportiert werden und so im gesamten Organismus Reaktionen hervorrufen können. Endokrine Disruptoren wirken hier als Störfaktor.

Klingt relativ einfach. Das Hauptproblem besteht aber darin, dass es bis heute allgemein nur geringes Wissen über die Funktion von Hormonsystemen gibt und damit auch nur wenige international anerkannte Testmethoden im Hinblick auf hormonelle Schadstoffe. Hinzu kommt, dass
deren Effekte häufig stark zeitverzögert auftreten und eventuell erst bei Nachfolgegenerationen sichtbar werden. Die wirksamen Konzentrationen endokriner Disruptoren sind oftmals so gering, dass bereits wenige µg ausreichen, um Schaden anzurichten – und in unserer Umwelt existieren bereits eine Vielzahl von Chemikalien, die additiv mit den Schadstoffen wirken können. Alles in allem kaum nachvollziehbare Vorgänge.

Kein Wunder, dass endokrin wirksame Substanzen von der Öffentlichkeit als besonders bedrohlich wahrgenommen werden. Man findet sie unter anderem in Verpackungsmaterial, Spielzeugen, Lebensmitteln und Kosmetik.

Kritische Vertreter

Parabene zählen zu den häufigsten als endokrin aktiv geltenden Substanzen in Kosmetik, vor allem als Konservierungsmittel. Ihr Risikopotential ist mittlerweile bekannt und einige Parabene dürfen in Kosmetikprodukten, die auf der Haut verbleiben, nicht mehr verwendet werden. In Duschgels und Shampoos ist ihr Einsatz auf geringe Mengen reduziert.

Viele Pflegeprodukte, insbesondere Sonnencremes, enthalten chemische UV-Filter wie Ethylhexyl Methoxycinnamate oder Bezophenone. Diese Stoffe gelten ebenfalls als hormonell wirksam und dazu allergieauslösend und krebsverdächtig.

Auch Alkohol, der aus steuerlichen Gründen mit Chemikalien vergällt und damit untrinkbar gemacht wurde, kann problematisch sein: Als häufiges Vergällungsmittel ist der hormonell wirksame Weichmacher Diethylphthalat (DEP) bekannt.

Die genannten Chemikalien finden in Naturkosmetik keine Verwendung. Doch leider zählen auch Pflanzenstoffe zur Gruppe der potentiell hormonell wirksamen Rohstoffe in Kosmetik: In vielen Pflanzen kommen natürlicherweise Phytoöstrogene vor. Die wichtigsten Vertreter sind die Isoflavone, die zur großen Gruppe der Polyphenole zählen. Für die Schönheit kommen sie meist wegen ihrer antioxidativen Wirkung zum Einsatz. Außerdem können Phytoöstrogene als Nahrungsergänzung (zum Beispiel aus Soja) Wechseljahresbeschwerden mildern und sogar krebsvorbeugend wirken. Allerdings verläuft hier ein schmaler Grat zwischen gesundheitsfördernden Eigenschaften und möglichen negativen Effekten. Isolierte Isoflavone aus Nahrungsergänzungsmitteln stehen im Verdacht, den Hormonhaushalt aus dem Gleichgewicht zu bringen und – ganz entgegen der eigentlichen Absicht – das Brustkrebsrisiko zu erhöhen.

Schwer abschätzbare Risiken

Für Forscher ist die eindeutige Zuordnung von Ursache und Wirkung oft sehr schwierig: Im Alltag wirkt ein ganzer Cocktail von Substanzen auf uns ein. Die Wissenschaft kennt weder alle von ihnen, noch lassen sich die Wechselwirkungen der Verbindungen untereinander abschließend beurteilen. Bis heute fehlt es an konkreten Risikobewertungen und Gefahrstoff-Beurteilungen. Im Hinblick auf endokrine Disruptoren ist daher Vorsicht geboten – ganz gleich welcher Herkunft.

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